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Auflösung
Martina via Internet, fragt:
Entstehen die menschlichen Kulturen im Gehirn?

Ob unterschiedliche Sprachen, Sitten oder Traditionen: Die Menschheit hat eine immense Vielfalt an Kulturen hervorgebracht. Haben diese letztlich ihren Ursprung im Gehirn?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Professor Georg Northoff, Neuropsychiater am Institute of Mental Health Research der University of Ottawa, Kanada: Zunächst einmal können wir mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass das Gehirn eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass Kulturen überhaupt entstehen. Es stellt den spezifischen Bezug zur Umwelt her, verarbeitet und interpretiert Eindrücke und lässt uns auf diese reagieren. Und das bildet letztlich die Basis für das menschliche Miteinander, Kunst, Kultur und Riten.

Außerdem wissen wir, dass Menschen in unterschiedlichen Kulturen auch Unterschiede in ihren Denkorganen aufweisen. Ich habe zum Beispiel zwischen 2007 und 2009 gemeinsam mit einem chinesischen Kollegen eine Studie durchgeführt, bei der wir verglichen haben, wie erwachsene Menschen aus westlichen Kulturen und aus China auf Stimuli reagieren, die entweder sehr persönlich waren oder ihre Mutter betrafen. Solche Stimuli können etwa Bilder der Stadt sein, in der man lebt, Begriffe, die im Alltag wichtig sind, Wörter, die die Mutter häufig benutzt, ihre Stimme und so weiter. Wir wissen, dass Menschen in China ihr Selbst sehr stark über die Mutter definieren. Westlich geprägte Personen wie Europäer oder Kanadier dagegen haben ein sehr unabhängiges, individualisiertes „Ich“. Das spiegelte sich im Experiment auch in ihrer Gehirnaktivität wieder: Bei den „Westlern“ war die Aktivität in der so genannten Mittellinienstruktur erhöht, wenn wir sie mit sehr persönlichen Stimuli konfrontierten, nicht aber mit solchen, die die Mutter betrafen. Bei den chinesischen Probanden reagierte diese Struktur jedoch bei beiden Arten von Anregung gleichermaßen.

Nun mag man fragen: Beeinflusst die Umgebung, in der wir leben, also die Kultur, das Gehirn? Oder ist es  umgekehrt, und die Menschen bringen unterschiedliche neurologische Voraussetzungen mit, so dass es zu einer Kulturenvielfalt kommt? Meines Erachtens kann man diese Frage aber so gar nicht stellen. Das ist für mich ein ganz zentraler Punkt. Denn Gehirn und Umwelt sind eng miteinander verknüpft und beeinflussen sich wechselseitig – ganz ähnlich wie das Herz und der Blutkreislauf untrennbar verbunden sind. Das Herz pumpt zwar das Blut, aber das Blut beeinflusst auch die Aktivität des Herzens.

Dieses Bild lässt sich gut auf die Beziehung zwischen Gehirn und Umwelt übertragen: Das Gehirn empfängt Signale aus der Umwelt, reagiert auf sie. Und es wird dadurch geprägt, denn neuronale Netzwerke entstehen durch den Input von außen. Genau das aber ist wiederum die Voraussetzung dafür, auf Stimuli in einer gewissen Weise zu reagieren. Das heißt ein und dasselbe Bild oder die selbe Musik werden in verschiedenen Regionen der Welt anders verarbeitet, weil die neuronalen Netzwerke aufgrund der unterschiedlichen Informationen aus der Umwelt auch unterschiedlich konstruiert sind. Es ist also eine wechselseitige Beziehung: Gehirn und Kultur entwickeln sich gemeinsam und beeinflussen sich dabei gegenseitig.

Aufgezeichnet von Stefanie Reinberger

zum Weiterlesen über die Wechselwirkung zwischen Gehirn und Umwelt:

Northoff, G. Das disziplinlose Gehirn. Was nun, Herr Kant? Irisiana. 2012

Und das waren die Antworten der User
Gizella ..

Antwort von Gizella
Nein !
 Ich denke, dass das Gehirn anpassungsfähig ist.
Passt sich seine Umgebung an. das ist auch notwendig, um sich "unbewusst" selbst zu schützen.
23.08.2012 14:25 Uhr
Gizella ..

Wie schon Prof.Dr Gerald Hüther gesagt hat :

" Das Gehirn wird so, wie man es benützt"
24.08.2012 09:57 Uhr
Linus M

Da würde ich zustimmen: Das Gehirn wird so, wie man es benutzt. Und gerade Sprache und Kultur sind da schöne Beispiele. Schließlich kann man selbst erleben, wie unterschiedlich sogar verwandte Personen sein können, nur weil sie in verschiedenen Ländern leben oder dort sogar aufgewachsen sind.
Natürlich ist ein teil des Charakters genetisch bedingt. man kann sich das vielleicht so vorstellen, dass der Grundstein der Persönlichkeit genetisch festgelegt ist. Alles was danach kommt, also jegliche Erfahrungen, die man im Leben macht, bauen dann die Persönlichkeit auf diesem vorgegebenen Grundstein auf.
Unser Gehirn stellt uns also nicht von vornherein kulturelle Verhaltensweisen zur Verfügung, sondern liefert uns viel mehr die Möglichkeit, diese zu erlernen.

Ein gutes Beispiel für menschen ohne kulturelles Wissen, wie man es kennt, sind wohl „Wolfskinder“. Damit sind Kinder gemeint, die außerhalb der Zivilisation aufgewachsen sind somit keinerlei menschliche Kultur kennen. Der vielleicht berühmteste fall ist der des Kaspar Hauser, der angeblich die ersten sechzehn Jahre seines Lebens absolut abgeschottet aufgewachsen sein soll, bis er sich dann irgendwann der Öffentlichkeit zeigen konnte. Solche berichte sind natürlich nicht zu überprüfen, dennoch gibt es recht viele davon, ein wahrer Kern ist also zu vermuten.

Doch wie dem auch sei: Die menschliche Kultur hat wohl nicht direkt ihren Urspung im Gehirn, denn auch kulturelles Wissen muss erlernt werden. Aber ohne unser äußerst Lernfähiges Hirn wäre es der Menschheit nicht möglich, eine solche Vielfalt an Kulturen hervorzubringen.


25.08.2012 23:28 Uhr
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