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Hirnforschung in den Medien

Affige Artikel und Realitätsverlust

Diesmal ist der Hirnscanner auf Reisen – durch den Mediendschungel und ganz real in Cambridge. Und stieß dort auf ein Thema, das nur englischsprachige Zeitungen aufgenommen haben, obwohl es gerade in Deutschland auf Interesse stoßen dürfte.

Copyright: Getty Images / Flickr / G Fletcher

Zunächst ein kleiner Ausflug nach Kolumbien. Dort leben in der Provinz Antioquia, zu der die Stadt Medellin gehört, einige weit verzweigte Familien mit einer schweren Erblast auf Chromosom 14: eine Mutation im Gen Präsenilin1, die zu einer früh einsetzenden Form der Alzheimer-Krankheit führt. Eine Kopie des veränderten Gens reicht aus, um zu erkranken. Deshalb haben Kinder, deren Mutter oder Vater krank ist, eine Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, selbst Alzheimer zu bekommen – mitunter schon in ihren Dreißigern.

Was für die Betroffenen eine Tragödie ist, birgt für Forscher die Chance, Alzheimer-Medikamente unter anderen Bedingungen als üblich zu testen. Manche Wissenschaftler glauben, dass bisherige klinische Tests auch deshalb nicht erfolgreich waren, weil es für eine Therapie zu spät sein könnte, wenn erste Veränderungen im Gehirn entdeckt werden. In den letzten Wochen ist die Geschichte der Paisa, wie die Menschen hier heißen, mehrfach erzählt worden, etwa in der New York Times oder - mit etwas mehr Hintergrund - im Tagesspiegel und besonders ausführlich in der aktuellen Ausgabe des Magazins GEO.

Wenig Wissenschaft in Wissenschaftsthema

Der GEO-Beitrag bietet eine hervorragende Chance, sich mit vielen wichtigen Aspekten der Alzheimerforschung auseinanderzusetzen: den zahlreichen Rückschlägen bei der Suche nach einem wirksamen Medikament, den Diskussionen, ob die Amyloid-Plaques, die sich im Gehirn ablagern, nun tatsächlich Ursache oder nur Begleiterscheinung sind, den ethischen Problemen rund um Medikamententests und natürlich mit der menschlichen Tragödie, die Alzheimer für die Betroffenen und ihr Umfeld jedes Mal bedeutet. Den Hirnscanner stört an den insgesamt lesenswerten Artikeln eigentlich nur eine Sache: Dass sie sich zu sehr auf die Geschichte der Menschen konzentrieren und zu wenig Fakten und Meinungen von außen einholen. So kommen auf den 15 Seiten GEO nur die beiden Forscher vor, die bei den Paisa nun eine Studie mit Medikamenten starten wollen, die das Beta-Amyloid attackieren. Dieses Eiweiß gilt als möglicher Auslöser der Erkrankung.

Es ist das alte Problem, dass Reportagen als Königsklasse des Journalismus gelten und vor allem eine Geschichte erzählen sollen. Da stören trockene Absätze über Genetik, molekulare Mechanismen und Ethik den Erzählfluss, Expertenstimmen von außen unterbrechen die Atmosphäre. GEO hat immerhin ein interessantes Kurzinterview mi Jens Wiltfang, Vorstandsmitglied des Kompetenznetzes Demenzen, dazugestellt, in dem der Forscher vom LVR-Klinikum Essen auch den Ausgang der Studie einschätzt: „Es gibt drei Szenarien. Erstens: die Wirkstoffe helfen sowohl gegen genetisch bedingten als auch gegen sporadischen Alzheimer. Das wäre der Sechser im Lotto. Zweitens: Sie helfen nur gegen genetisch bedingten Alzheimer. Das wäre traurig für die Pharmaforschung, aber die Rettung für weltweit mindestens 500.000 Menschen mit dieser Variante der Krankheit. Oder sie helfen gar nicht. Das wäre der Freispruch für die Eiweiße Beta-Amyloid und Tau, die Alzheimer-Forschung müsste nach neuen Feinden suchen.“

Was eine Hirnfurche mit zu Guttenberg zu tun hat

Der Hirnscanner ist diese Woche nicht in Deutschland, sondern in Cambridge unterwegs. Und wie es der Zufall will, kommt ein anderes Thema, über das in den vergangenen vierzehn Tagen viel berichtet wurde, von einer Arbeitsgruppe der hiesigen Uni. Forscher um Jon Simons haben 53 Menschen untersucht, bei denen eine Furche im präfrontalen Cortex besonders stark oder schwach ausgeprägt ist. Die Testpersonen, bei denen dieser so genannte paracinguläre Sulcus kaum erkennbar ist, waren deutlich schlechter darin, sich zu erinnern, ob sie ein bestimmtes Wort selbst gesagt hatten oder ob jemand es ihnen vorgelesen hatte.

In den englischen und amerikanischen Medien wurde darüber umfangreich berichtet, etwa im Guardian oder auf der Internetseite des Time Magazine. In Deutschland habe ich dagegen keinen Artikel finden können. Ich kann mir nicht erklären warum. Zwar gehen die meisten Beiträge vor allem darauf ein, dass die Erkenntnis helfen könnte, die Schizophrenie - bei der die Unterscheidung zwischen Realität und Imagination gestört ist - besser zu verstehen. Doch es gibt einen weiteren Aspekt, der hierzulande auf einiges Interesse stoßen müsste. Den stellt die Daily Mail in den Fokus ihres Berichts: Sie steigt damit ein, dass das Ergebnis erklären könnte, warum Menschen andere Menschen nachweislich plagiieren und sich trotzdem unschuldig fühlen, weil sie glauben, es sei ihrem eigenen Kopf entsprungen. Wer denkt da nicht, dass es Zeit wäre den Verteidigungsminister a.D. Karl Theodor zu Guttenberg und dessen paracingulären Sulcus einmal genauer anzuschauen?

Affenhirn steuert Computerhand

Vielleicht beschäftigt das Thema den Hirnscanner aber auch deshalb so, weil er gerade - Literaturtipp am Rande - Robert Trivers brillantes Buch „Deceit and Self-Deception“ liest, das gerade erschienen ist. Den bekannten amerikanischen Sozio- und Evolutionsbiologen beschäftigt darin die Frage, warum der Mensch erst mit seinen Sinnen Informationen über die Umwelt aufnimmt, um sie dann zu verdrehen und zu verfälschen – bis an den Rande des Selbstbetrugs und darüber hinaus. Trivers zentrale These: Unsere Fähigkeit, uns selbst zu täuschen, ist in der Evolution entstanden, um andere Menschen besser täuschen zu können. Es wäre sicher interessant zu erfahren, ob die Probanden in Simons Studie sich nicht nur in ihrer Fähigkeit unterscheiden, sich selbst zu täuschen, sondern auch ihre Mitmenschen.

Eine weitere Studie, die in den letzten vierzehn Tagen für Neuro-Schlagzeilen gesorgt hat, ist im Fachblatt Nature erschienen. Forscher der Duke University haben Affen Elektroden ins Gehirn gesetzt, sodass sie eine virtuelle Hand auf einem Computer steuern konnten. Und weil die Forscher dann auch Elektroden in den Gehirnteil gesetzt haben, der für den Tastsinn zuständig ist, konnten die Affen lernen, verschiedene Objekte im Computer zu unterscheiden, die sich unterschiedlich „anfühlten“.  Science steigt mit Luke Skywalker ein, aber natürlich kann auch dieser Artikel sich nicht darum drücken einzuschätzen, ob die Technik bald auch in Prothesen eingesetzt werden kann. Science holt sich dazu eine Einschätzung von außen: Sliman Bensmaia von der Universität Chicago erklärt, die Arbeit sei ein „Meilenstein“, aber ein künstlicher Arm brauche deutlich mehr Input als nur einen Tastsinn. Die Süddeutsche Zeitung löst es weniger elegant. Sie zitiert nur den Autor der Studie, der dann vom Journalisten kommentiert wird: „’In nicht allzu ferner Zukunft könnten querschnittsgelähmte Patienten von dieser Technologie profitieren’, verspricht Nicolelis mit einer gehörigen Portion Optimismus.“ Ob dieser Optimismus nun zu groß ist oder nicht, genau die Einschätzung hätte der Hirnscanner gern gelesen. So bleibt ihm nur, mit vielleicht etwas zu großem Optimismus zu schreiben: Bis in vierzehn Tagen.

 

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter hirnscanner@kaikupferschmidt.de gerne entgegengenommen.

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Datum:
12.10.2011
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