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Hirnforschung in den Medien

Alzheimer in der Nase und Sex im Video

Diese Woche ist die Welt der Neuronachrichten klar geteilt: Deutsche Medien berichten über Erkenntnisse deutscher Forscher in Sachen Computerspiele und Alzheimer und die angelsächsischen Medien tummeln sich beim Jahreskongress der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft in Washington, D.C., wo sie einer Frau beim Orgasmus zuschauen.

Copyright: Getty Images / Flickr / G Fletcher

Der Hirnscanner legt hiermit offiziell eine Liste an: Dinge, die vermeintlich das Gehirn wachsen lassen. Vor einem Monat waren es viele Freunde bei Facebook, jetzt sind es Computerspiele, die unsere grauen Zellen angeblich vermehren. „Computerspieler haben mehr Hirn“, meldet die Bild-Zeitung und nennt die Untersuchung eine Sensations-Studie. Forscher der Charité, die eigentlich Suchtverhalten untersuchten, hatten in der Fachzeitschrift Translational Psychiatry publiziert, dass Menschen, die viel Zeit mit Computerspielen verbringen (aber nicht süchtig sind), ein größeres Belohnungszentrum haben und auch eine dickere Hirnrinde im frontalen Cortex. Die Welt zitiert die beteiligte Neurowissenschaftlerin Simone Kühn mit dem Satz: „Ich hätte nicht gedacht, dass Vielspieler mehr Gehirn haben.“ Jetzt könne man nicht mehr sagen, dass jeder automatisch durch PC-Spiele verblöde.

Wie so häufig wird hier die simple Formel „mehr = besser“ zu Grunde gelegt. Das ist schon deshalb ironisch, weil in derselben Woche in der österreichischen „Presse“ ein Artikel mit dem Titel „Haben Autisten zu viel Gehirn?“ lief. Der Autor bezieht sich auf eine Studie in „JAMA“, wonach Autisten einen größeren präfrontalen Cortex haben.

Was genau ist bei den Computerspielern denn größer? Zum einen das Belohnungszentrum. Wie die Welt schreibt: „Das Belohnungszentrum ist der Bereich im Gehirn, der unter anderem aktiviert ist, wenn Hunger verspürt wird und das Essen auf dem Tisch steht.“ Man hätte auch erwähnen können, dass andere Studien gezeigt haben, dass eine Überaktivierung dieses Areals zu Suchtverhalten führt. Ob ein größeres Belohnungszentrum etwas Erstrebenswertes ist, ist also nicht klar. Die andere Auffälligkeit ist eine dickere Hirninde im frontalen Cortex, also dem Bereich des Gehirns, der unter anderem für Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis zuständig ist. Dieses Ergebnis taucht in der „Translational Psychiatry“-Studie allerdings noch nicht auf.

Zusammenfassung: Menschen, die viel Computer spielen, haben ein größeres Belohnungszentrum, was gut oder schlecht sein kann und ebenso gut Ursache wie Folge des Computerspielens. Womöglich haben sie auch eine etwas dickere Hirnrinde. Unter der Überschrift „Das Märchen von den verblödeten Computer-Spielern“ dürfte der Leser der „Welt“ ruhig etwas mehr erwarten, findet der Hirnscanner.

Das richtige Näschen?

Und noch eine Neuro-Nachricht wurde in den letzten Tagen fast ausschließlich in Deutschland berichtet: Forscher der TU Darmstadt wollen Alzheimer frühzeitig erkennen können – in der Nase. Das Anfärben von Eiweißablagerungen in der Nasenschleimhaut soll auch über das Stadium der Erkrankung eine Aussage treffen. Das Hauptproblem des Hirnscanner: Die Methode ist bisher nicht an Patienten getestet worden. Natürlich ist diese Forschung trotzdem berichtenswert, aber ob Welt, Stern oder Berliner Kurier: Alle Überschriften suggerieren, die Methode funktioniere bereits. Die Unterzeile des Artikels in der Welt etwa lautet: „Deutschen Chemikern ist ein Durchbruch in der Alzheimer-Diagnose gelungen: Mit einer neuen Methode kann das Leiden bereits früh erkannt werden.“ Da darf man sich nicht wundern, wenn am nächsten Tag die Menschen bei ihrem Arzt Schlange stehen und sich testen lassen wollen. Aber der Weg von einer Untersuchung an Gewebeschnitten zu einem diagnostischen Test in der Klinik ist lang und nicht immer von Erfolg gekrönt. Warum reicht es nicht, die spannende Forschungsarbeit in den Vordergrund zu stellen? In jedem Fall hat der Leser eine Information verdient, wie weit die Technik davon entfernt ist, dass sein Arzt sie anwenden kann.

Bunte Flecken im Gehirn

Während sich die Neuronachrichten in Deutschland also um deutsche Forscher drehen, berichten die britischen und amerikanischen Medien ausführlich von der Jahrestagung der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft in Washington, D.C. Besonders viele Zeilen füllt, wie sollte es anders sein: das Thema Sex. Eine Serie von Brainscans, die erstmals das weibliche Gehirn beim Orgasmus zeigen, wurde etwa im Wall Street Journal, im Guardian und im New Scientist beschrieben. Was die praktischen Probleme eines Orgasmus in einem Hirnscanner angeht, hat der Guardian einen schönen Artikel der Probandin Kayt Sukel abgedruckt. Man kann sich natürlich fragen, ob das wirklich eines der wichtigsten Ergebnisse der größten Tagung für Neurowissenschaften ist, aber abgesehen vom „Sex sells“-Mantra, verzichtet in Zeiten des Internets niemand mehr auf ein schönes Gratis-Video. Wie viel Informationen das Video für den durchschnittlichen Leser wirklich transportiert, außer “bunte Flecken im Gehirn“, ist eine andere Frage.

Nebensache der Woche: Svante Pääbo präsentierte in seinem Vortrag in Washington auch den Inhalt seines Briefkastens. Seit er im Mai 2010 verkündet hatte, dass der moderne Mensch auf seinem Weg aus Afrika offenbar Sex mit Neandertalern hatte, hätten ihm 45 Männer geschrieben, die sich für ganz oder teilweise Neandertaler hielten. Und die Frauen? Nur Zwei Frauen hätten geschrieben, sie hielten sich für Neandertaler, erklärte Pääbo. Dafür teilten ihm aber 12 Frauen schriftlich mit, sie hielten ihren Ehemann für einen Neandertaler.
Zeit für den Hirnscanner, die Keule aus dem Schrank zu holen und auf die Jagd zu gehen.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter hirnscanner@kaikupferschmidt.de gerne entgegengenommen.

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Datum:
21.11.2011
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