Skip to content. | Skip to navigation

 
 
Hirnforschung in den Medien

Der Sarrazin-Kniff mit der Digitalen Demenz

Ein Hirnforscher warnt in einem Buch vor den Gefahren der Digitalisierung, und die Medien stürzen sich darauf. Dabei werden viele richtige Fakten zusammengetragen, aber leider ohne Not auf eine weltfremde Empfehlung zugespitzt.

Copyright: Getty Images/ Flickr/ G Fletcher

Wenn Sie ein Thema in den Medien platzieren wollen, schreiben Sie ein Buch. Geben Sie ihm einen Titel mit einer möglichst provokanten These. Am Besten zu einem Thema, das ohnehin vom Zeitgeist erfasst ist. Mit diesen Zutaten lässt sich sogar hanebüchener Blödsinn verbreiten, wie Thilo Sarrazin mit seiner Rassengenetik bewiesen hat. Ein Buch schafft Aufmerksamkeit, in Zeitungen, Talkshows und Magazinen wird darüber berichtet. Ein wenig wundert sich der Hirnscanner allerdings, dass sich dieser Mechanismus auch in der digitalisierten Welt erhalten hat, dass also viele Journalisten das älteste und schwerfälligste Massenmedium, das Buch, noch immer mit Relevanz gleichsetzen.

Die Methode – nennen wir sie mal den Sarrazin-Kniff – funktioniert sogar mit dem Nischenthema Hirnforschung. Das Buch, an dem nun auch der Hirnscanner nicht vorbeikommt, passt aber auch zu gut ins Beuteschema der Medienwelt. Es geht um Social Media, und das lässt den Volontär sicher aufhorchen. Es geht um das Wohl der Kinder. „Kinder und Tiere gehen immer“, hört man da den Ressortleiter beifällig murmeln. Und es geht um die Frage, ob die modernen technischen Entwicklungen uns Menschen überhaupt gut tun. Das klingt nach einem Dreh, der sogar den computermuffeligen Chefredakteur überzeugt.

Das Buch, um das es hier geht, heißt: „Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“ und ist von Manfred Spitzer. Wie der Titel schon erahnen lässt, warnt der Ulmer Psychologe und Hirnforscher darin vor den schädlichen Folgen der neuen Medien. Die Thesen klingen plausibel: Navis machen dumm, weil sie uns das Denken abnehmen. Unser Gedächtnis verkümmert, weil wir Fakten in Clouds abspeichern oder googeln können.

„Digitale Demenz“ erreicht selbst das Ausland

Die Medien stürzen sich auf die „Digitale Demenz“. Der Focus druckte Auszüge des Buches noch vor seiner Veröffentlichung. Deutschlandfunk, Bayern2, Südkurier und viele weitere interviewten den Autor, meist ohne groß seine Thesen zu hinterfragen. Das Schlagwort der „Digitalen Demenz“ erreichte sogar das Ausland, Medien der französischen und der deutschen Schweiz sowie österreichische Zeitungen berichteten. Auch das Fernsehen wurde aufmerksam: So durfte Spitzer in der NDR-Talkshow mit Barbara Schöneberger über sein Buch plaudern. Der Tenor: Große Gefahr droht unseren Gehirnen, wenn wir uns immer mehr den digitalen Medien ausliefern.

Neugierig geworden, bestellte der Hirnscanner das Buch. In erster Linie warnt es, dass die Digitalisierung Kindern und Jugendlichen schade: Bei Teenagern, die viel Zeit mit Facebook verbringen, verkümmern die für soziale Interaktion zuständigen Hirnareale. Schüler lernen schlechter, wenn in ihren Schulen viele Computer stehen, denn sie neigen dazu, sich ablenken zu lassen. Kleinkinder, die viel fernsehen, werden dick und dumm. Nur wer bereits in der Schule viel Vorwissen erlernt hat, kann die Richtigkeit der Suchtreffer bei Google beurteilen. Das sind alles Thesen, die Spitzer plausibel belegt und an denen sicher etwas dran ist. Und er zieht zunächst den richtigen Schluss: Eltern sollten darauf achten, dass ihre Kindern möglichst gezielt und sehr selten digitale Medien nutzen.

„Meiden Sie digitale Medien“

Doch dann geht der Ulmer Forscher einen Schritt weiter und verteufelt Internet, Computer und Smartphones generell, auch für Erwachsene. „Meiden Sie digitale Medien. Sie machen, wie vielfach hier gezeigt wurde, tatsächlich dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich.“ Dieses Fazit steht am Ende des Buches, doch nach Lektüre der 328 Seiten muss der Hirnscanner konstatieren: „Vielfach gezeigt“ wurde nicht, dass die Digitalisierung an sich gefährlich ist. Vielmehr hat Spitzer viele Belege dafür zusammengetragen, dass bestimmte Formen der Mediennutzung Gefahren bergen. Computerspiele können süchtig machen. Ausuferndes Sitzen vor dem Rechner macht krank. Zu viel Multitasking führt dazu, dass man sich nicht mehr konzentrieren kann. Das wird wohl alles stimmen. Doch daraus zu schließen, dass man digitale Medien generell meiden soll, ist eine sehr übertriebene und weltfremde Zuspitzung. Das scheint auch Spitzer gemerkt zu haben, denn an anderer Stelle spricht auch er von den „Segnungen“ der Informationstechnik, auf die auch er nicht verzichten wolle.

Dennoch ist es genau diese – am wenigsten belegte – Zuspitzung, auf die sich die Medien stürzen: Die Wiener Zeitung warnt vor der „Überdosis digital“, der Kölner Stadtanzeiger fragt in der Überschrift: „Macht Internet dumm?“, und T-Online titelt gar „Computer machen uns dumm“. Diese Internetseite führt denn auch in der kurzen Meldung beispielhaft vor Augen, wie leicht die Zuspitzung eines Wissenschaftlers zu einer Verdrehung der Tatsachen mutiert: Facebook führe dazu, dass wir dümmer werden, heißt es bei T-Online. Dabei beschreibt Spitzer in seinem Buch nur, wie gefährlich Soziale Medien für Jugendliche sind. Für Erwachsene gibt er Entwarnung: „Wer seine sozialen Kompetenzen auf herkömmlichen Wege erworben hat (offline, face to face), wird daher durch soziale Netzwerke kaum Schaden nehmen.“

Apokalyptischer Ton

Erfreulicherweise gibt es aber auch Artikel, die Spitzers Thesen hinterfragen. WDR.de zitiert einen Bildungsreferenten, der mit seiner Berufserfahrung der undifferenzierten Verteufelung des Internets widerspricht. Die Gamer-Seite KGN scheint eine Privatfehde mit Spitzer zu führen – schließlich warnt der Psychologe seit vielen Jahren vor den Gefahren von Ballerspielen. Dennoch finden die Computerspieler neben Beschimpfungen („Rampensau“) auch Argumente. So bemängeln sie, dass die Studie, aus der Spitzer das Schlagwort der „Digitalen Demenz“ übernommen hat, von 2007 sei und damit ziemlich alt. In der Wortwahl vornehmer, aber trotzdem vernichtend, urteilt der Freitag: Spitzers apokalyptischer Ton erinnere an die Lesesuchtdebatte um das Jahr 1800. „Wir fragen uns, ob es (das Buch) die geistige Verkümmerung, über die es angeblich aufklären will, nicht zugleich befördert.“

Um Missverständnisse zu vermeiden: Der Hirnscanner findet es richtig, dass ein Hirnforscher vor den Gefahren der Digitalisierung warnt und dafür viel Resonanz in der Öffentlichkeit bekommt. Sowohl von Spitzer als auch von vielen Medien hätte er allerdings ein wenig mehr Differenzierung erwartet. Fazit des Hirnscanners in dieser Debatte: Das Internet ist schon lange Teil unseres Lebens und beeinflusst unser Denken und Handeln. Das kann man schlecht oder gut finden, es ist so. Gefahren gibt es viele und es ist das Verdienst Spitzers, dass er sie uns auf allen Kanälen besonders eindringlich bewusst macht. So können wir damit umgehen lernen und gleichzeitig die vielen Vorteile der digitalen Welt genießen. Das funktioniert. Beispiel gefällig? Sie, liebe Leser! Immerhin suchen Sie hier auf dasGehirn.info nicht die Berieselung, sondern intelligente Unterhaltung und intellektuellen Input – und finden beides hoffentlich auch.

Bewertung
Wie bewerten Sie diesen Artikel?
Kommentare
Linus M

Natürlich ist es nicht unberechtigt, den starken Einfluss der digitalen Medien aufzuzeigen, doch hat dieser Einfluss nicht nur Verkümmerung und Degeneration des modernen Gehirns zur Folge.
Neue Technologien wie etwa das Navigationsgerät im Auto lassen unsere Fertigkeiten beim "analogen" Navigieren vielleicht schlechter werden, dafür können wir aber auch besser mit dem Navi umgehen. Der Lerneffekt, der hier zweifellos vorliegt, bedeutet nicht nur Aufbau oder Abbau von neuronalen Netzen, sondern zuerst einmal Anpassung.
Wir finden uns also nicht schlechter in der Welt zurecht, nur weil wir ständig irgendwelche neuen Hilfsmittel benutzen. Wir gewöhnen uns lediglich an diese und kommen im Endeffekt besser durch den Alltag, als ohne Tablet und Co. - ansonsten gäbe es diese Produkte wohl nicht.
Letztlich "verkümmern" also nur die Fähigkeiten, die wir nicht mehr benötigen. Wer über Jahre keine normale Straßenkarte mehr angefasst hat, mag den Umgang damit verlernt haben, wird diese Fertigkeit in Zukunft aber auch nicht mehr brauchen.

Kritik an den Digitalen Medien ist also nur dann berechtigt, wenn von Vornherein feststeht, dass die verlernten Kompetenzen eben doch noch irgendwann gebraucht werden. Das ist beim Navi-gewöhnten Autofahrer eher nicht der Fall, schließlich wird er sich in Zukunft selten ohne besagtes Gerät hinters Steuer begeben . Im Falle der "Generation Facebook" sieht das aber etwas anders aus: Ab einem gewissen Alter ist die Zeit vorbei, in dem ein Großteil der Kommunikation über eine digitale Plattform ablaufen kann. Spätestens wenn das Berufsleben beginnt, dürfte das der Fall sein.
So gesehen hielte ich Kritik für berechtigt.

Da bleibt nur fraglich, ob die Kompetenz der Facebook-Generation, mit den neuen Medien umzugehen, wirklich ausschließlich nutzlos ist.
Ich würde hier verneinen. Heutzutage hat wohl eher derjenige einen Nachteil, der gar nicht mit den neuen Medien umgehen kann. Ob man nun noch ein "leider" anfügen muss oder nicht, bleibt mal so dahingestellt.

23.08.2012 15:12 Uhr
Re: Antwort auf Kommentar von   Linus M
Simon Koob

Ich kann dein Gedankengang gut nachvollziehen,jedoch glaube ich das durch eine Simplifizierung,die durch den permanenten Nuzen von technischen Hilfsmitteln hervorgerufen wird,die neuronalen Verknüpfungen nicht gerade mehr werden.In erster Linie profitieren wir ja von einem Intellekt,den wir uns nicht autonom erarbeiten mussten.Gleichzeitig geraten wir in eine Anhängigkeit.Man sollte primär auf sich gucken u. auf sich vertrauen :) technische Hilfsmittel sind schön und gut,wenn man sich von ihnen nicht nur passiv berieseln lässt.
26.10.2012 14:58 Uhr
My Brain
Infos zum Beitrag
Autor:
Ragnar Vogt
Datum:
14.08.2012
Keine Nutzungslizenz vergeben:
Nur anschauen erlaubt.
Fördern Sie guten Journalismus!

Top
Berichte über zwei Forschungsthemen zeigen: Überschriften können leicht Trugschlüsse vermitteln.
Per Annonce wird ein Hirnforscher diffamiert. Zeitungen hätten sie besser nicht gedruckt.
Der Hirnscanner regt sich über bunte Karten auf – und lacht über einen Scanner im Scanner
Über eine Nahtod-Studie haben viele Medien berichtet – leider etwas zu eintönig.
Google und Navi machen uns blöde, warnt ein Forscher in den Medien – und zieht falsche ...
Rudi Assauer, Tau-Proteine und Alzheimer-Mäuse beschäftigen den Hirnscanner in dieser Woche.
Das könnte Sie auch interessieren!
Der Hirnscanner wundert sich über die Fantasie der Medien.
Gehirnjogging-Spiele versprechen geistige Fitness mit etwas Trainingsaufwand. Was bringen sie?
Ein Festessen macht nicht nur satt, sondern auch glücklich – wenn man das Richtige isst.
Lässt sich das Rätsel der Liebe durch Hormone und Aktivitäten im Gehirn erklären?
Bei Berichten über Alzheimer achten Journalisten auf Skepsis und unaufgeregte Formulierungen.