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Hirnforschung in den Medien

Eine Milliarde Euro – und kaum Aufmerksamkeit

Stell dir vor, ein ebenso spektakuläres wie umstrittenes Forschungsvorhaben wird mit einer gigantischen Summe an Steuergeld zugeschüttet – und keinen interessiert’s. So ergeht es dem „Human Brain Project“, wundert sich der Hirnscanner.

Copyright: Getty Images/ Flickr/ G Fletcher

Das ist, jedenfalls auf Ebene der Europäischen Union, noch nie dagewesen: Um Forschung und Innovation in besonders zukunftsträchtigen Technologie-Bereichen zu befeuern, will die EU zwei ausgewählte Großprojekte mit jeweils etwa einer Milliarde Euro fördern. Über zehn Jahre und unter Einbindung dutzender Projektpartner sollen diese „FET flagships“ – Flaggschiffprojekte im Bereich „future and emerging technologies“ – Europa in eine weltweite Spitzenposition im jeweiligen Bereich katapultieren. Zum Vergleich: Übliche Fördersummen für Forschungsprojekte, ob vom Staat, von der EU oder von Stiftungen vergeben, liegen im Bereich von einigen hunderttausend bis maximal ein paar Millionen Euro.

Vergangene Woche fiel nach einer mehrstufigen, mehrjährigen Ausscheidung die Wahl, welche zwei Projekte die außerordentliche Summe bekommen. Eines befasst sich mit dem Werkstoff Graphen, das andere nennt sich „Human Brain Project“ (HBP) und zielt auf eine computergestützte Simulation des menschlichen Gehirns. Dass der Hirnscanner an diesem Thema nicht vorbeikommt, ist somit kein Wunder. Seiner Meinung nach sollte aber kein Nachrichtenmedium sich diese Geschichte entgehen lassen. Schließlich geht es nicht nur um eine Riesensumme Steuergeld – unter Fachleuten ist es zudem durchaus umstritten, ob eine derartige Forschungsförderung quasi mit der Brechstange überhaupt erfolgversprechend ist.

Sinnvoll oder größenwahnsinnig?

Gut informierte Redaktionen haben schon vor der offiziellen Bekanntgabe am Montagmittag berichtet – so etwa Nature (worauf sich dann viele andere beriefen) oder Zeit Online, dieser Artikel erschien auch im Tagesspiegel. Bei anderen wichtigen Medien wie tagesschau.de, heute.de, FAZ.net oder Spiegel Online sind dagegen selbst Stunden nach der offiziellen Verkündung der Entscheidung keine Meldungen zum Thema zu entdecken. (Update: Im weiteren Verlauf des Montagnachmittags erschien bei Spiegel Online noch ein eigener, ausgewogener Artikel.)

Ob die Flagschiffprojekte als solches schon Größenwahnsinn oder ein vielversprechender Ansatz sind: dies zu diskutieren, liegt jenseits der Zuständigkeit dieser Kolumne, ebenso wie die Frage, ob tatsächlich die zwei vielversprechendsten Projekte aus den Bewerbern ausgewählt wurden. Jenseits der Zuständigkeit journalistischer Berichterstattung im Allgemeinen liegen diese Fragen aber nicht. Ganz im Gegenteil: Sie sollten zentraler Bestandteil eines kritischen Wissenschaftsjournalismus sein, wie ihn der Hirnscanner immer und immer wieder fordert. Denn um die bloße Nachricht der Flaggschiff-Entscheidung zu überbringen, bedarf es in Zeiten des Internets keiner journalistischen Medien mehr.

Journalisten müssen die angerissenen kritischen Fragen also stellen – und zwar am besten sowohl den Beteiligten als auch unabhängigen Experten. Der bereits erwähnte Artikel von Zeit Online/Tagesspiegel tut das in vorbildlicher Weise (die Beteiligten wollten sich freilich vor der offiziellen Bekanntgabe am Montag nicht äußern). Die Neue Züricher Zeitung beleuchtet das HBP ebenfalls sehr kritisch, wenn auch das Fördervolumen als solches nicht hinterfragt wird. Und angemessen behandelt schließlich auch spektrum.de die Wahl der Flaggschiff-Projekte, nämlich in Form von zwei Kommentaren; das HBP stellt dabei ein Redakteur der Zeitschrift Gehirn und Geist massiv infrage.

Hurra-Verlautbarung statt Distanz

Selbstverständlich ist eine solche objektivierende Herangehensweise allerdings, man mag es befürchtet haben, mitnichten. So beschränkt sich etwa die Süddeutsche Zeitung auf einen nachrichtlichen Hinweis auf die beiden Gewinnerprojekte. Das ist zwar in sich handwerklich korrekt – der Fördersumme und der Einmaligkeit des Vorgangs gerecht wird eine solche Mini-Berichterstattung aber kaum.

Schlimmer ist es freilich, wenn eine Redaktion dem Thema mehr Gewicht beimisst, aber über unkritische Hofberichterstattung nicht hinauskommt. So beschränken sich die Aachener Nachrichten auf eine Hurra-Verlautbarung – nun gut, könnte man sagen, es ist ja auch eine Regionalzeitung, in deren Region mit dem Forschungszentrum Jülich eine gleich an beiden Gewinnerprojekten beteiligte Institution sitzt. Trotzdem: Ohne weitere Erläuterung zu behaupten, die Forscher hätten sich vorgenommen, „in zehn Jahren das gesamte menschliche Gehirn nachzubauen“, geht zu weit: Es ist schlichtweg falsch. Und wie eine weitere Regionalzeitung, die Rheinische Post eine Woche früher bewiesen hat, als sie – vermutlich zufällig, jedenfalls ohne Bezug auf die Flaggschiff-Initiative – von den Jülicher Gehirnsimulationsabsichten berichtete: Ein simpler Anruf bei den beteiligten Forschern hätte gereicht, zumindest das Vorhaben klarer und realitätsnäher darzustellen.

Die Stuttgarter Zeitung wiederum berichtet aus Anlass der Flaggschiff-Entscheidung nur über das HBP. Den zweiten Gewinner lässt sie unter den Tisch fallen (dem Hirnscanner soll’s recht sein – Kollegen mit anderen Schwerpunkten mögen das anders sehen).  Der Text bemüht sich zwar redlich, das Vorhaben halbwegs anschaulich zu beschreiben, erwähnt die Vorgeschichte und lässt erahnen, wie gewaltig die vor den Forschern liegende Aufgabe ist. Dann macht er aber keine Anstalten, mittels unabhängiger Einschätzungen Distanz zu gewinnen. Stattdessen gibt der Artikel vor allem wieder, welche künftigen Anwendungen ihrer Erkenntnisse die Projektverantwortlichen versprechen – von Alzheimer-Therapie bis zu intelligenten Robotern. So verkommt der Artikel streckenweise zum PR-Text – ganz ähnlich wie auch der agenturbasierte Beitrag des österreichischen Standard. Dabei sollte jedem Journalisten klar sein, dass Forscher durch das System der Antragstellung geradezu gezwungen werden, die Rubrik „künftige Anwendungen“ mit viel Phantasie, Prahlerei und im Zweifel auch unrealistischen Hoffnungen zu füllen, um gegen die Konkurrenz zu bestehen. Schließlich geht es bei Finanzierungsentscheidungen ja gerade um den künftigen gesellschaftlichen Nutzen eines Forschungsvorhabens.

(Nachtrag: Kurz nach Redaktionsschluss dieser Kolumne veröffentlichte die Stuttgarter Zeitung ein Interview zum zweiten Gewinner-Projekt und einen Kommentar, der das ganze Flaggschiff-Konzept und gerade auch das Human Brain Project kritisch hinterfragt. Zudem wurden kurz vor der Entscheidung noch weitere Kandidatenprojekte vorgestellt. Insgesamt hat das Blatt also doch eine recht runde Flaggschiff-Berichterstattung abgeliefert, wie der Hirnscanner gerne zugesteht.)

Neuro-Hype und Neurotheologie

Aber, bei aller Kritik: Der Hirnscanner möchte den zitierten Redaktionen ein Lob dafür aussprechen, das Thema überhaupt beachtet zu haben. Und sich kurz noch einer ganz anderen Sache zuwenden, bevor er völlig in winterlichem Trübsinn und fruchtlosen Spekulationen versinkt, welche Gründe das unverständliche Schweigen der übrigen Medien haben könnte.

Denn es gab auch einen sehr erfreulichen Beitrag in der Neuro-Berichterstattung der vergangenen zwei Wochen – ganz im Sinne der hier immer wieder erhobenen Forderung, doch öfter mal über das einzelne Studienergebnis hinaus die Möglichkeiten und Grenzen der Hirnforschung in den Blick zu nehmen. Eine Radiosendung hat dies getan, nämlich Glauben und Wissen von Radio Bremen. Da ging es zwar vordergründig speziell um „Neurotheologie“, also die Frage, ob Gott im Gehirn sitzt. Ausgehend von diesem Beispiel aber wird die Hirnforschung insgesamt sehr umfassend in den Blick genommen und der Neuro-Hype hinterfragt. Wer Zeit hat: reinhören!

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Datum:
29.01.2013
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