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Hirnforschung in den Medien

Genie und medialer Wahnsinn

Quietschende Kreide, ein denkendes Google-Gehirn und der Zusammenhang zwischen Genie und Wahnsinn: Die Medien berichten derzeit viel Unterhaltsames aus der Hirnforschung. Doch wie sie es tun, treibt unseren Hirnscanner fast in den Wahnsinn.

Copyright: Getty Images/ Flickr/ G Fletcher

Durch seine Tätigkeit ist der Hirnscanner mittlerweile regelrecht auf ein simples Reiz-Reaktions-Muster konditioniert. Der Reiz kann eine reißerische Überschrift oder ein plakativer Vorspann eines Beitrags sein. Als Reaktion beginnen beim Hirnscanner sofort die Warnglocken in seinem Kopf zu läuten. Irgendwie passend, dass gleich der erste Text, der auffiel, folgendermaßen begann: „Quiiiiiiiiiiietsch – Das Geräusch von Kreide auf einer Tafel löst Alarmsignal im Gehirn aus.“ So überschreibt die Welt eine Meldung. Vor allem Töne zwischen 2.000 und 5.000 Hertz sorgten demnach für das Warnsignal. Und der Verfasser schiebt gleich eine Erklärung der Wissenschaftler hinterher: „In dieser Tonlage liege auch hohes Kreischen und Schreien, das in der Natur oft eine Gefahr anzeige, berichten die Forscher.“ Das Alarmsignal mache unser Hörzentrum sensibler gegenüber dem potenziell Gefahr anzeigenden Laut und verursache gleichzeitig instinktiv negative Gefühle.

Dabei macht ein Artikel der Kollegen von Spektrum.de deutlich, dass man sich mit dieser Erklärung im Bereich der Spekulation befindet: „Warum wir auf diese Reize mit Gänsehaut und Abscheu reagieren, lässt sich allerdings immer noch nicht mit Sicherheit sagen. Vermutlich ähneln sie den Angst- und Notschreien unserer Artgenossen und werden daher vom Gehirn als ‚Gefahr im Verzug’ interpretiert.“

Doch ein solcher Hinweis auf Spekulationen der Wissenschaftler fehlt in dem Welt-Artikel. Bei der alarmierenden Berichterstattung gehen leider die eigentlichen Erkenntnisse der zugrunde liegenden Studie im Journal of Neuroscience unter. Ein britisch-deutsches Forscherteam hatte mit bildgebenden Verfahren den Weg verfolgt, den unangenehme akustische Informationen im Gehirn nehmen. Zunächst werden sie im auditorischen Cortex verarbeitet. Anschließend werden sie an die Amygdala weitergeleitet, die die Reize emotional auswertet. In einer Art Feedbackschleife beeinflusst die Amygdala die Aktivität des auditorischen Cortex – und zwar je nach Bedeutung des Inputs. Dafür wertet die Amygdala sowohl die akustischen Eigenschaften als auch die emotionale Seite von unangenehmen Klängen aus.

Google-Hirn beginnt zu denken?

Auch bei einem ganz anderen Thema läuteten beim Hirnscanner die Alarmglocken: „Google-Gehirn beginnt zu denken“ überschreibt der österreichische Standard einen Artikel sehr plakativ. Forscher vom Internetkonzern Google und der Stanford University hatten bereits vor einiger Zeit ein künstliches neuronales Netz gebastelt und zur Bilderkennung eingesetzt. Ähnlich wie die Neurone im menschlichen Gehirn sind hier Prozessoren mit einer Milliarde Verbindungen verknüpft. Konfrontiert man das System mit Input, strukturiert es selbständig die Verbindungen zwischen seinen Prozessoren um und lernt auf diese Weise. Nun werde die Technik für die Spracherkennung des mobilen Betriebssystems Android eingesetzt, schreibt der Standard. Spreche ein Nutzer ein Wort aus, solle das System den Ausdruck nicht nur richtig erkennen, sondern auch wissen, um was es sich handelt. Dafür nutze das künstliche Gehirn nicht etwa eine Datenbank mit Begriffsdefinitionen. Vielmehr greife es auf Inhalte zurück, die es bei früheren Spracheingaben gelernt hat.

Obwohl diese Fähigkeit höchst beeindruckend klingt, ist der Hirnscanner skeptisch, ob man hier von beginnendem Denken sprechen kann. Leider bietet der Artikel keine Einschätzung von unabhängigen Experten, die die Leistungen des künstlichen Systems für den Leser beurteilen. Der Autor beruft sich auf einen Text des Technology Review. Doch auch hier findet sich leider keine unabhängige Einschätzung: Der Artikel wartet lediglich mit Experten auf, die an dem Projekt beteiligt sind. Auch sonst ist dieser Text nicht gerade kritisch. Er begnügt sich damit, die Vorzüge aufzuzeigen, und spricht von einem „leistungsstarken neuen Ansatz für die künstliche Intelligenz, bereit viele Google Produkte zu verbessern“. Obwohl das Thema aus Sicht des Hirnscanners spannend ist, erscheint ihm eine solche unkritische Darstellung eher wie subtil platzierte Werbung – das hat mit Journalismus wenig zu tun.

Medialer Zerrspiegel

Zufriedener ist der Hirnscanner mit der deutschen Berichterstattung über eine neue Studie zu einem alten Klischee: Genie und Wahnsinn hängen dem Volksglauben nach eng zusammen. Trotz einiger Untersuchungen, die in diese Richtung weisen, ist der Zusammenhang noch lange nicht eindeutig geklärt. Leicht läuft man bei solch einem Thema Gefahr, die Wirklichkeit durch den medialen Zerrspiegel wahrzunehmen. Wer kennt etwa nicht die Geschichte von dem genialen, aber doch psychisch labilen Maler Vincent van Gogh, der sich ein Ohr abgeschnitten hat. Lebt hingegen ein hochintelligenter Schriftsteller zufrieden und unauffällig sein Leben, bekommt man das natürlich nicht mit.

In einer neuen Studie im Journal of Psychiatric Research untersuchte nun ein schwedisches Forscherteam die Daten von über einer Million Menschen. Die Wissenschaftler schauten sich die psychischen Erkrankungen dieser Menschen an und prüften, ob sie einen kreativen Beruf etwa als Künstler oder Wissenschaftler ausübten. Wissenschaft aktuell bringt eine der Kernbotschaften der Studie auf den Punkt: „Demnach haben alle Kreative zusammengenommen lediglich ein höheres Risiko, an einer bipolaren Störung zu erkranken.“ Schriftsteller seien besonders gefährdet durch psychische Störungen, hätten etwa ein erhöhtes Risiko an Schizophrenie oder Depression zu leiden.

Dass die Versuchung da ist, das Ergebnis etwas zu verallgemeinern und dramatischer zu gestalten, zeigt ein Blick in die USA. Den CBS News zufolge bestätigt die Studie den Zusammenhang zwischen Kreativität und mentalen Schwierigkeiten: Außerdem heißt es viel zu allgemein, dass bestimmte psychische Krankheiten, insbesondere bipolare Störungen, unter Kreativen verbreiteter seien.

Frage nach Henne und Ei

Etwas schade findet der Hirnscanner allerdings, dass Wissenschaft aktuell nicht erwähnt, dass die Wissenschaftler lediglich statistische Zusammenhänge zwischen Kreativität und psychischen Erkrankungen untersucht haben. So können sie nicht sagen, was Henne und was Ei ist. Führt der Beruf des Schriftstellers tendenziell stärker zu psychischen Störungen als andere Berufe? Oder neigt man mit mentalen Problemen eher dazu, sich Dinge von der Seele zu schreiben?

Manchmal ist der Hirnscanner selbst dem Wahnsinn nahe. Vielleicht ja, weil der Wissenschaftsjournalismus ebenfalls ein nicht ganz unkreativer Beruf ist. Oder liegt es doch eher an der oft verkürzenden und oberflächlichen medialen Berichterstattung, die ihn in den Wahnsinn treibt? Zum Wohle seiner mentalen Gesundheit hofft der Hirnscanner in den nächsten Wochen auf kritische Wissenschaftsnews.

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My Brain
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Datum:
23.10.2012
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