Skip to content. | Skip to navigation

 
 
Hirnforschung in den Medien

Promis und Alzheimer

Die deutschen Medien standen in den vergangenen zwei Wochen ganz im Zeichen von Rudi Assauers Alzheimer-Erkrankung. Aber warum braucht es einen Prominenten, um das Thema interessant zu machen? Und was waren die wirklichen Alzheimer-Nachrichten?

Copyright: Getty Images / Flickr / G Fletcher

Wenn berühmte Menschen krank sind, ist das immer ein Thema für die Medien. Aber in den letzten Jahren fällt vor allem das plötzliche Interesse an Personen mit neurologischen Erkrankungen auf. Michael J. Fox leidet an Parkinson, Gaby Köster kämpft sich nach einem Schlaganfall zurück ins Leben, Robert Enke treiben seine Depressionen in den Selbstmord. Jede dieser Geschichten beschäftigte Zeitungen und Magazine ebenso wie Funk und Fernsehen. Und nun: Rudi Assauer hat Alzheimer. Die Diagnose erhielt er bereits 2010. Vor Erscheinen seiner Autobiographie machte der Ex-Schalke-Manager seine Erkrankung jetzt öffentlich. Seitdem sind die Medien voll mit Artikeln über Alzheimer: Wie Assauer unter Tränen die Krankheit eingesteht, wie seine Ehe daran scheiterte, die Bundesliga reagierte, wie andere Prominente mit der Krankheit umgehen.

Gesundheitsminister Bahr zollte Assauer Respekt, Bundesforschungsministerin Schavan veröffentlichte prompt ein kurzes Interview zum Thema auf der Internetseite des Ministeriums. Und auch eine ZDF-Dokumentation über den Patienten Assauer wurde noch allerorten besprochen, selbst die Quoten begutachtete man (dpa-Titel: „Assauer-Film mit guter Quote“), als gelte es, mit der publikumswirksamsten Aufarbeitung der Krankheit die Gunst der Zuschauer zu gewinnen.

Keine Frage, einiges an Assauers Schicksal steht exemplarisch für Hunderttausende andere, es erfüllt damit eine journalistische Grundregel der Berichterstattung über Einzelfälle. Aber was neben der Tragik geschildert wird, erschöpft sich meist in einer Art „Was-ist-Was: Alzheimer“: Was unterscheidet Alzheimer und Demenz? Wie kann ich die Krankheit erkennen? Was kann ich dagegen tun? Fünf Fragen beantwortet der Focus, 50 die Welt. Das ist erschöpfend, aber nicht befriedigend. Man könnte hart sagen: Wenn Nachrichten Neuigkeiten sind, dann ist das allermeiste, was zurzeit über Alzheimer geschrieben wird, keine Nachricht.

Zu verstehen, was bei Alzheimer passiert und wie man der Krankheit eines Tages Einhalt gebieten könnte, findet der Hirnscanner wichtiger, als Promischicksale in den Vordergrund zu rücken. Ronald Reagan, Margaret Thatcher, Gunter Sachs, Rudi Asshauer: So mancher Redakteur hat sich die Alzheimerfakten vermutlich längst auf Taste gelegt. Damit auch beim nächsten Fall die Sonderseiten schnell bestückt sind.

Warum sich die Medien auf Promis stürzen

Warum braucht es überhaupt einen berühmten Fall, damit sich die Medien einer Krankheit wie Alzheimer widmen? Warum dieser intensive (und kurzlebige) Hype? Der Psychiater Manfred Lütz schreibt in einem Kommentar in der Ärztezeitung, es liege wahrscheinlich daran, „dass dieser Gesellschaft psychische Krankheiten besonders unheimlich sind und man sich dieses Thema daher möglichst lange vom Leibe hält.“ Daher würden psychisch Kranke dämonisiert und das Thema gemieden. „Je unheimlicher es wirkt, desto weniger möchte man sich damit befassen. Dabei wird ein Drittel der Deutschen irgendwann im Leben psychisch krank“, schreibt Lütz.

Doch es ist mehr als die Faszination von etwas, über das wenig gesprochen wird. Viele Journalisten jedenfalls wissen, warum sie Assauer so viel Platz einräumen: Fast jeder Text über Assauer beginnt damit, dass er als Macher und Macho bekannt sei, Fußball, Frauen und Zigarren liebe oder ein „echter Mann“ sei. „In dieses Bild passt kaum, was dieser Tage über Assauer zu lesen ist: Ausgerechnet er leidet unter Alzheimer“, schreibt etwa Charlotte Frank in der Süddeutschen Zeitung. Es ist der Kontrast, der viele Redakteure fasziniert. Das Drama führe den Menschen vor Augen: „Diese Krankheit kann jeden treffen. Selbst die ganz Starken, selbst die ganz Reichen. Niemand ist vor Alzheimer sicher. Und niemand weiß, wie man sich davor schützt“, schreibt Frank.

Das findet der Hirnscanner belanglos. Dass Schlaganfall, Demenz oder Krebs jeden treffen können, ist nicht neu. Und das wissen die meisten Leser auch. Das zynische ist: Nicht die Menschen sind es, die durch prominente Krankheitsfälle an Alzheimer erinnert werden, es sind die Medien, die für jeden Artikel einen Aufhänger brauchen. Mit dem berühmten Patienten kommt die Berichterstattung. Mit dem Promifaktor die prominente Platzierung im Blatt. Als wären Millionen Alzheimer-Kranke nicht Grund genug, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Echter Service wären Forschungsartikel

Zudem: Es wird auch noch geforscht: Nicht Promi-Schicksale, sondern Wissenschaftsnachrichten zu Alzheimer wären ein echter Service für den Leser – zu berichten, was Forscher über die Krankheit aktuell herausfinden.

So war wohl die wichtigere Alzheimer-Nachricht der letzten zwei Wochen, was etwa auf der Titelseite der New York Times und auch beim Stern zu lesen war: Forscher haben herausgefunden, dass die Krankheit im Gehirn von Mäusen von Zelle zu Zelle weitergegeben wird (genauer: das Tau-Protein, das sich in den Hirnzellen von Alzheimer-Patienten ansammelt, wird weitergegeben). Vermutlich gilt dasselbe für Menschen. Bisher war unklar, ob die Krankheit sich im Gehirn wirklich ausbreitet oder ob verschiedene Bereiche der Krankheit nur unterschiedlich lang widerstehen können. Die neuen Hinweise, auf eine Ausbreitung von Zelle zu Zelle, beflügeln auch die Phantasie von Forschern, die Alzheimer bekämpfen. Denn gelänge es die Ausbreitung zu stoppen, bekämen Ärzte womöglich auch die Krankheit in den Griff.

Aber diese Nachricht findet weit weniger Resonanz als Assauers trauriges Schicksal. Der Stern hat drei Absätze über die Studie und kehrt dann zum Promipatienten zurück. Wie die Forscher zu ihrem Ergebnis kamen, wird nicht erläutert. Das Ärzteblatt berichtet ausführlicher, Spiegel online auch.

Krebsmedikament gegen Alzheimer?

Eine andere Studie wurde häufiger aufgegriffen. Forscher haben gezeigt, dass das Krebsmittel Bexaroten Alzheimer-Symptome bei Mäusen mildern kann. Kein Wunder, dass viele Redaktionen das Thema aufnahmen: Ein Mittel, das bereits zugelassen ist für eine andere Indikation, zeigt beim Tierversuch Anti-Alzheimer-Wirkung! Das klingt hoffnungsvoll. Zwei Dinge gehören nach Ansicht des Hirnscanners allerdings in jeden derartigen Artikel: Eine Warnung, dass sich Ergebnisse von Tierversuchen gerade bei Alzheimer häufig nicht auf den Menschen haben übertragen lassen. Außerdem ist Bexaroten als orphan drug unter besonderen Bedingungen zugelassen worden und hat ernste Nebenwirkungen. Das Ärzteblatt schreibt das alles und warnt dann auch: „Es wäre wohl fahrlässig, seine Patienten diesen Nebenwirkungen auszusetzen, solange ein Nutzen in einer klinischen Studie nicht erwiesen ist.“

Zeit online macht es noch besser und liefert gleich die Gründe mit, warum die Entwicklung von Alzheimer-Medikamenten so problematisch ist und sich Ergebnisse häufig nicht auf den Menschen übertragen lassen. Und die Washington Post hat sogar noch Ärzte, die das Medikament schon vielen Patienten gegeben haben, befragt, ob sie eine Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten beobachtet haben. Dagegen schreibt Spiegel online nur in einem kurzen Satz: „Noch ist aber nicht klar, ob Bexaroten beim Menschen ähnlich effektiv gegen Alzheimer wirkt.“ Auch das Wall Street Journal erwähnt die Nebenwirkungen nicht. Ein bisschen dürftig als Einordnung, findet der Hirnscanner. Aber immerhin: Die unterschiedliche Wirksamkeit von Medikamenten bei Mensch und Tier wurde immerhin in den meisten Berichten benannt. Eine positive Entwicklung, die trotz allem auch den Hirnscanner freut.

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter hirnscanner@kaikupferschmidt.de gerne entgegengenommen.

Kommentare
Frank Kupferschmidt

Ausgezeichneter Beitrag mit zutreffender Medienkritik.
15.02.2012 14:04 Uhr
Infos zum Beitrag
Datum:
14.02.2012
Schlagwörter:
Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.
Fördern Sie guten Journalismus!

Top
Berichte über zwei Forschungsthemen zeigen: Überschriften können leicht Trugschlüsse vermitteln.
Per Annonce wird ein Hirnforscher diffamiert. Zeitungen hätten sie besser nicht gedruckt.
Der Hirnscanner regt sich über bunte Karten auf – und lacht über einen Scanner im Scanner
Über eine Nahtod-Studie haben viele Medien berichtet – leider etwas zu eintönig.
Google und Navi machen uns blöde, warnt ein Forscher in den Medien – und zieht falsche ...
Wenn revolutionäre Fortschritte nicht ins Beuteschema von Wissenschaftsredaktionen passen
Das könnte Sie auch interessieren!
Gegen seine Zeitgenossen wird Alois Alzheimer berühmt – dank der Untersuchung einer Patientin.
Star-Kult ist Teil unserer Kultur. Mancher imitiert sein Idol – mit Folgen für die ...
Nach über 100 Jahren ist Alzheimer noch immer unheilbar. Mögliche Ursachen zeichnen sich ab.
Biochemiker Christian Haass informiert über den Stand der Alzheimer-Forschung.
Nach einer langen asymptomatischen Phase schreitet die Alzheimer-Demenz in drei Stadien fort
My Brain