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Hirnforschung in den Medien

Steile Thesen und fehlerhafte Gehirne

Diese Woche lassen Titel und Thesen das Temperament des Hirnscanners hochkochen. Außerdem sammelt er Freunde auf Facebook, damit sein Gehirn wächst – und liest zur Abwechslung mal ein Buch.

Copyright: Getty Images / Flickr / G Fletcher

Eigentlich sind Bücher nicht Sache des Hirnscanners. Müsste er neben Zeitungen und Zeitschriften auch noch die Veröffentlichungen der Buchverlage studieren, würde er unter dem „Workload“ sicher bald an „Burnout“ erkranken und ein „Time-Out“ brauchen. In den letzten 14 Tagen hat ein Buch über Alzheimer allerdings einige Medien beschäftigt – und weil das den Puls des Hirnscanners schon wieder auf 180 treibt, wirft er einen kurzen Blick auf das Thema.

Mit Scheuklappen zur tollkühnen These

Eine der größten Herausforderungen im Journalismus ist die These. Sie ist die geheime Zutat, die aus einem leidigen Faktentext einen spannenden Artikel machen soll. Eine klare These kann die Aufmerksamkeit des Lesers erregen, der rote Faden sein, der ihn durch den Text zieht, und – wenn sie originell und gut belegt ist –, eine neue Sicht auf die Welt öffnen. Allzu oft ist „These“ aber nur ein freundliches Wort für die Marotte von Journalisten, nur die Fakten in den Text zu lassen, die zur gewünschten Aussage passen. Anstatt in einem ausführlichen Artikel verschiedene Standpunkte anklingen zu lassen, geht es dann nach dem Schema: mit Scheuklappen immer geradeaus. Mit der Folge, dass in den Medien mitunter gnadenlos eine These vertreten wird, um ein paar Monate später ebenso gnadenlos das Gegenteil zu kolportieren. Von „Die Schweinegrippe wird Millionen Opfer fordern“ zu „Die Schweinegrippe war eine Erfindung der Pharmaindustrie“. Oder: Von „Millionen Menschen sterben an Alzheimer“ zu „Alzheimer gibt es nicht“.

Klingt absurd? Genau das ist aber die These des Buches „Vergiss Alzheimer!“ von Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze. Abgesehen von dem geschmacklos kalauernden Titel ist das Buch gewissermaßen die Quintessenz des thesengetriebenen Journalismus. Das klingt dann so: „Der »Morbus Alzheimer« ist ein Konstrukt. Ein nützliches Etikett, mit dem sich wirkungsvoll Forschungsmittel mobilisieren, Karrieren beschleunigen, Gesunde zu Kranken erklären und riesige Märkte für Medikamente und diagnostische Verfahren schaffen lassen.“ Oder wie die "Welt" ihr Interview anpreist: „Alzheimer? Ist immer eine Fehldiagnose, sagt die Autorin Cornelia Stolze. Sie hält das Leiden für eine Folge von Arzneimitteln, Depressionen und falschen Therapien“.

Sicher gibt es solche Fälle. Aber immer ist ganz schön häufig – und das ist eben der Punkt: Die steile These zählt mehr als eine wirklich ehrliche Darstellung der Faktenlage. Natürlich gibt es viel zu kritisieren im Bereich der Alzheimer-Forschung: Falsche Versprechen über vermeintliche vorbeugende Methoden, ständige Erfolgsmeldungen, obwohl bis heute kein Medikament in Sicht ist, das den Verlauf der Krankheit aufhält, Fehldiagnosen, Verflechtungen von Forschern und Pharma-Industrie, die zu Interessenkonflikten führen können, und die Tendenz, jedem Menschen mit einer Demenz gleich die Alzheimer-Krankheit anzudichten. Nur ist Alzheimer deshalb noch kein „Phantom“.

Aber genau diese Art Thesen braucht es anscheinend manchmal, um Aufmerksamkeit und ein fast ganzseitiges Interview zu bekommen. Und obwohl die Fragen in der "Welt" durchaus kritisch sind, hätte sich der Hirnscanner gewünscht, man hätte die Journalistin Stolze auch einmal gefragt, warum es eigentlich immer gleich die große Weltverschwörung sein muss. Die Wirtschaftswoche zumindest hat einen guten Gedanken gehabt: Sie hat die Autorin und den Alzheimer-Forscher Konrad Beyreuther zum Doppelinterview geladen. Leider leidet das Interview darunter, dass Beyreuther wirklich keine gute Figur macht. Wer auf vermeintliche Interessenkonflikte angesprochen wird, sollte jedenfalls nicht antworten: „Jetzt werden Sie unverschämt. Dazu sage ich nichts.“

Das Burnout hat ausgebrannt

Von Alzheimer zurück zur Modeerkrankung „Burnout“. Der Hirnscanner hat ja schon vor vier Wochen festgestellt, wie populär es im Moment ist, sich als „ausgebrannt“ zu outen. Nun lässt der Focus, der das Thema vor kurzem noch mit einer Titelgeschichte anheizte, im Wissenschaftsteil Katrin Bauerfeind zur Feder greifen, damit sie sich über die Burnout-Epidemie lustig machen kann. Das ist ganz amüsant, aber natürlich etwas anderes als ein ausgewogener Artikel über die Krankheit. Die Gegenposition kann man dann diese Woche vermutlich wieder in der Titel-Geschichte des Magazins lesen. Die nennt sich: „Burnout vermeiden“.

Es ist die Märkische Allgemeine Zeitung, die sich des Themas einmal wirklich kritisch annimmt. Unter dem Titel „Phantomkrankheit Burnout“ kritisiert Eva-Maria Träger, dass eine eindeutige medizinische Definition des Burnouts fehle. Mit dem Begriff lasse sich Geld verdienen, er verschleiere aber die wirklichen psychischen Erkrankungen wie Depressionen, die häufig dahinter stünden. Diese blieben tabu. 70 bis 80 Prozent seiner Patienten, sagt etwa Martin Lotze, Ärztlicher Leiter der Psychosomatik an der Heinrich-Heine-Klinik in Potsdam, erwähnten Burnout als Schlagwort: „Sie trügen den Begriff wie ein „Label“ vor sich her, wie ein sozial akzeptiertes Etikett“.

Jetzt kann man sich fragen, warum der Hirnscanner das Alzheimer-Bashing kritisiert, nur um dann das Burnout-Bashing zu loben. Es gibt aber zwei entscheidende Unterschiede: Erstens ist das Burnout tatsächlich keine Krankheit im Sinne der Internationalen Klassifikation der Krankheiten. Dort wird es im Abschnitt „Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ als Rahmendiagnose abgehandelt. Und das verdient zumindest einmal eine Erwähnung. Zweitens ist der Ton des Artikels ein ganz anderer. Zwar findet Martin Lütz vom Alexianer-Krankenhaus in Köln in einem Interview zum Thema klare Worte und sorgt für ein neues Lieblingszitat des Hirnscanners: „Vor 20 Jahren hatte jeder Zweite eine Borderline-Störung, vor zehn Jahren litt jeder, der einmal gegen eine Mauer gefahren ist, unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung, und inzwischen hat jeder einen Burnout, dem der Chef einmal gesagt hat, er könne morgens vielleicht mal pünktlich kommen.“ Aber Lütz und Lotze bedienen nicht gnadenlos irgendeine These vom erfundenen Burnout. So finden sie es auch positiv, dass das neue Wort es Menschen mit Depressionen eher ermöglicht, sich zu outen und dass öffentlich nun mehr über psychische Erkrankungen gesprochen wird.

Optimisten und fehlerhafte Überschriften

Nach Alzheimer und Burnout ein bisschen Optimismus gefällig? Wenn man den Forschern um Tali Sharot vom University College in London glaubt, dann haben Sie den ohnehin schon. In einer Studie im Fachblatt Nature Neuroscience haben die Wissenschaftler gezeigt, dass das menschliche Gehirn positive Nachrichten viel besser abspeichert als negative. Konkret änderten Personen ihre Einschätzung, wie häufig ein negatives Ereignis auftritt eher, wenn ihnen gesagt wurde, dass es seltener sei als sie dachten, als wenn ihnen gesagt wurde, dass es häufiger sei. Kurz: Schlechte Nachrichten merkt sich unser Gehirn auch schlechter.

Interessant ist, dass zahlreiche Zeitungen das als „Fehler“ des Gehirns bezeichnen, etwa das Ärzteblatt,  die Daily News, der Mirror. Implizit gehen die Autoren also davon aus, dass es die Aufgabe des Gehirns sei, die Welt möglichst realistisch abzubilden – und dass das optimistische Gehirn darin versagt. Biologisch betrachtet wird sich aber das Gehirn behaupten, dessen Träger die meisten Nachkommen zeugt. Die Welt realistisch abzubilden steht da nicht unbedingt ganz oben auf der Liste. Tatsächlich kann ein bisschen Optimismus wahrscheinlich nicht schaden, wenn man Kinder in die Welt setzen will. Der Hirnscanner bedauert es jedenfalls, dass auf diese evolutionäre Frage kaum eingegangen wird.

Je mehr Freunde, desto mehr Gehirn?

Zum Schluss noch etwas Erfreuliches. Britische und dänische Forscher haben die Gehirne von 165 Studenten untersucht, die Facebook nutzen. Die Studenten, die mehr Freunde bei Facebook hatten, hatten auch mehr graue Masse im Mandelkern und in drei Bereichen des Schläfenlappens. Die Studie gibt es hier in voller Länge. Das Entscheidende steht allerdings im letzten Absatz: Was Ursache und was Wirkung sei, so die Autoren, könne die Studie leider nicht beantworten. Das Gehirn könnte sich den Anforderungen eines großen Facebook-Freundeskreises anpassen oder Menschen, die in den entsprechenden Hirnarealen mehr graue Materie haben, könnten dazu neigen, bei Facebook mehr Freunde zu sammeln.

Tatsächlich, und das ist ebenfalls erfreulich, hat der Hirnscanner auch keinen einzigen Medienbericht finden können, der behauptet, Facebook lasse das Hirn wachsen. ReutersFrankfurter RundschauSüddeutsche Zeitung,The Guardian: Alle weisen deutlich darauf hin, dass unklar ist, was Ursache und was Wirkung ist. Oder, wie Heidi Johansen-Berg von der Oxford-Universität am Ende des Reuters-Artikels sagt: „Diese Studie kann uns nicht sagen, ob die Nutzung des Internets gut oder schlecht ist für unsere Gehirne.“ Der Hirnscanner kann Sie jedenfalls beruhigen: Solange Sie online nur auf dasgehirn.info surfen, ist das Internet auf jeden Fall gut für Ihr Gehirn.

 

Auch Artikel über das Hirn können hirnlos sein. Darum will der Hirnscanner nicht nur auf spannende Beiträge aufmerksam machen, Interviews empfehlen und Themen kommentieren, sondern auch Schlagzeilen hinterfragen und Fehler aufzeigen (wo sie anderen passiert sind) . Hinweise auf interessante Interviews, aufregende Artikel und peinliche Porträts werden unter hirnscanner@kaikupferschmidt.de gerne entgegengenommen.

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Datum:
25.10.2011
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