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Elvis lebt – Wenn der Fan zum Imitator wird

Prominente prägen die Mode und die Sprache ihrer Fans. Doch nicht nur Teenager pflastern ihre Zimmerwände mit Star-Postern. Professionelle Imitatoren eifern ihren Idolen mitunter regelrecht nach. Wie wirkt sich das auf ihre Persönlichkeit aus?

Copyright: Shelvis

Es ist das Jahr 1985. Aus dem Radio röhrt „Shake, Rattle and Roll“ von Elvis Presley. Der „King of Rock´n Roll“ wäre in diesem Jahr 50 Jahre alt geworden, der Kult um ihn erreicht einen Höhepunkt. Auch um den zehnjährigen Shezad Eikmeier aus Hamburg ist es geschehen. Er ist fasziniert von dem Musiker mit der gigantischen Haartolle und den Kotletten. Fortan saugt er alles auf, was er über ihn erfahren kann. Zum Abiturball 1994 schmettert er zum ersten Mal den Elvis-Song „Always on my mind“. Es ist ein folgenreicher Auftritt: „Der Applaus hat mich so stark ergriffen. Das hat mich motiviert, diesen Weg zu gehen“, sagt Eikmeier.

Heute meldet er sich routiniert als „Shelvis“ am Telefon. Er ist professioneller Elvis-Imitator und in dieser Rolle Hamburgs Nummer 1. Um ein paar Stunden auf der Bühne „Er“ zu sein, schlüpft er in einen nietenbesetzten weißen Jumpsuit und setzt die legendäre goldene Elvisbrille auf. Shelvis ist nicht allein. Millionen Menschen verehren weltweit den Urvater des Rock’n Roll. Geschätzte 50.000 imitieren ihn.

Der Fankult hat mit dem Aufkommen der Massenmedien in den vergangenen drei Jahrzehnten drastisch zugenommen. Jeder Teenager hat sein Pop- oder Leinwand-Idol, mancher Erwachsene ebenso. Vom moderaten Fan bis zum obsessiven Anhänger und sogar zum Stalker reicht die passive Form der Verehrung. Manche fühlen sich berufen, ihrem Vorbild auf der Bühne oder in der Karaokebar nachzueifern. Einige werden zum Imitator. Verblüffend und kurios wirkt das, wenn Fans sich kleiden, ihre Worte wählen und betonen, sich gebärden, tanzen und lachen wie er, The King of Rock’n Roll, oder sie, Madonna. Sind passionierte Fans am Ende tatsächlich ein bisschen wie der Star, den sie verehren?

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Fan-Kult vieler Teenager und Erwachsener beruht unter anderem auf der Tatsache, dass Menschen Gefühle für Prominente entwickeln, wenn diese in den Massenmedien Persönliches aus ihrem Leben erzählen. Psychologen sprechen von einer „parasozialen Beziehung“.
  • Fans neigen dazu, ihre Idole zu überhöhen, manche entwickeln einen quasi-religiösen Kult um den Star
  • Imitatoren gehen noch weiter: Sie ahmen das Verhalten nach, was nach Ansicht von Experten auch psychologisch zu einer Annäherung an den Charakter des Stars führen könnte. Wissenschaftliche Studien hierzu gibt es aber kaum.
  • Studien zeigen, dass das Verhalten von Stars auch das ihrer Fans beeinflusst. Besonders deutlich wird dies daran, dass sich nach dem Freitod eines Idols mitunter auch zahlreiche Fans das Leben nehmen.

Unbekannt und doch vertraut

Der Ursprung der Fankultur liegt in einem Trugschluss des menschlichen Gehirns. „Es kann zwischen einer echten Beziehung und einer virtuellen, wie sie die Medien vermitteln, nicht unterscheiden“, sagt Gayle Stever, Psychologin am Empire State College in Rochester im US-Bundesstaat New York. Wenn Prominente in einer Fernsehsendung Details aus ihrem Leben preisgeben, fühlen wir mit ihnen – obwohl unsere Gefühle gar nicht erwidert werden. Der Erfolg und höhere Status der Persönlichkeit verstärkt diese Bindung noch. Es entsteht eine „parasoziale Beziehung“, wie es Psychologen nennen.

Diese parasoziale Beziehung zum Prominenten ist auch der Grund, weshalb Millionen Menschen nach ihrem Tod um Lady Di trauerten, obwohl sie ihr nie begegnet waren. Das Band zum bekannten Unbekannten lässt tausende Mädchen ohrenbetäubend kreischen und einige gar in Ohnmacht fallen, wenn Robbie Williams die Bühne betritt. Eingefleischte Fans fühlen sich schlecht, wenn ihr Star leidet und sie sind glücklich, wenn ihm Gutes widerfährt. Diese Form des Mitgefühls gibt es normalerweise nur in realen Freundschaften.

Neurowissenschaftler beobachten, dass die Aktivierung in emotions-assoziierten Hirnarealen wie dem Mandelkern anstieg, wenn Testpersonen prominente Gesichter betrachten, auch wenn sie keine ausgewiesenen Fans sind. Psychophysiologe Pedro Guerra von der spanischen Universidad de Granada untersuchte, was geschieht, wenn Verehrung mit ins Spiel kommt. Er maß die elektrische Ableitung der Hirnströme und auch den Herzschlag, während Probanden die Gesichter geliebter Persönlichkeiten anschauten. Wie Guerra und Kollegen im Juni 2011 berichtet, reagierten die Testpersonen hochemotional. Ihre Herzfrequenz stieg erheblich an; ein Effekt, der nicht alleine mit der Vertrautheit des Gesichtes zu erklären war. Guerra schließt aus dieser Beobachtung, dass Idole eine massive emotionale Wirkung auf uns ausüben.

Imitatoren verklären ihren Star

Bei hart gesottenen Anhängern und Imitatoren reicht die Verehrung aber weit über das bloße Mitfühlen hinaus. Kommunikationsforscher Benson Fraser von der Regent University in Virginia Beach interviewt seit Jahren regelmäßig über 100 Elvis-Imitatoren aus allen Teilen der Welt. „Ich kenne weibliche Elvisse, asiatische, schwarze, lateinamerikanische, homosexuelle - alles, was man sich vorstellen kann”, sagt er. Immer identifizieren sich die Kopisten intensiv mit dem „King“. Viele suchen Parallelen zwischen ihrer Vita und der Biografie des Idols. Shelvis ebenso: „Wir entstammen beide religiösen Elternhäusern. Und ich verehre wie er meine Mama – nur dass seine starb, als er zur Army ging.“

Die massive Identifikation ist einer von zwei Schlüsseln zur Imitation von Verhalten und Werten des Stars, so Fraser. Der zweite Schlüssel ist die Überhöhung: Die Imitatoren sehen ihren Star fast ausschließlich positiv, wie Fraser und sein Kollege William Brown  2001 im Journal „Mass Communication & Society“ anhand einer Befragung von 35 Elivs-Nachahmern darlegt. In ihren Augen war der Entertainer bescheiden, großzügig, freundlich, loyal, gläubig und respektvoll. Sie liebten auch seinen Patriotismus – er zog für die USA in den Krieg. Presley half den Armen, wofür ihn die Befragten verehren. Dass ihr Idol die eine oder andere Geliebte verschliss und sich an Speed und Beruhigungsmitteln vergriff, wollte keiner wahr haben, schildert Fraser. Viele nahmen den Sänger in Schutz und rechtfertigten sein Verhalten – so, als würden sie persönlich angegriffen. Die weiblichen Elvisse verteidigten ihn zudem als Gentleman. Nur wenige gestanden seinen Ruf als Frauenheld ein.

Der Elvis-Imitator Shelvis alias Shezad Eikmeier aus Hamburg ist Fan mit Leib und Seele – und das schon seit der Kindheit. Copyright: Shelvis
Der Elvis-Imitator Shelvis alias Shezad Eikmeier aus Hamburg ist Fan mit Leib und Seele – und das schon seit der Kindheit. Copyright: Shelvis
Mit der Idealisierung geht ein beinahe religiöser Kult einher. Fast alle Imitatoren haben „Elvis-Schreine“ oder widmen ihrem Guru ein ganzes Zimmer, bestückt mit gigantischen Platten- und Videosammlungen, Autogrammen, Postern und Bildbänden. Eine Wallfahrt zum Elvis Graceland-Domizil in Memphis ist für Viele Pflicht – nach dem Weißen Haus ist es das meist besuchte Anwesen in den USA, mit 700.000 Gästen pro Jahr. Shelvis spricht aus, was viele Psychologen postulieren: „Der Elvis-Kult ist eine Ersatzreligion. Wenn ich singe, predige ich die Lieder des Herrn.“

Der Kult um das Idol beschränkt sich nicht nur auf Imitatoren. Gayle Stever befragte über 1000 Michael-Jackson-Fans und mehr als 400 Josh-Groban-Anhänger und stellte fest, dass viele von ihnen Andenken sammelten, meist Musik. Beide Fangemeinden glaubten, ihr Star könne die Welt verbessern, schreibt Stever 2011 im Journal of Media Psychology.

Die Werte des Idols werden verinnerlicht

Von der Idealisierung zur Nachahmung ist es nur ein kleiner Schritt: Die Imitatoren versuchen, geschätzte Wesenszüge ihres Idols selbst zu verkörpern, erläutert Fraser: „Sie verändern ihre Lebensweise und eifern seinem Verhalten und seinen Werten nach.“ Aussagen wie: „Ich versuche wie Elvis immer höflich zu bleiben“, wiederholen sich in den Interviews. Auch Shelvis – den Fraser nie befragt hat – nimmt sich das freudestrahlende Naturell des Rock‘n Rollers zum Vorbild. „Die Imitation ist ein sehr wirkungsvoller Akt, um das Verhalten und die Werte des Idols mehr und mehr zu verinnerlichen. Sie werden ganz allmählich zu dem, der sie sein wollen”, so Fraser. Medienforscher Matt Hills von der Cardiff University sieht das ähnlich: „Die Imitation verwischt die Linie zwischen der eigenen Persönlichkeit und der des Stars.“

Doch bisher gibt es erst wenige Studien, die sich mit der Übernahme des Star-Charakters beschäftigen. Neurowissenschaftliche Untersuchungen zur Fankultur fehlen ganz. Gut belegt ist dagegen, dass Prominente das Verhalten ihrer Anhänger massiv beeinflussen können. Als Basketballlegende Earvin „Magic“ Johnson an HIV erkrankte und anschließend für geschützten Sex warb, stieg der Kondomgebrauch in seiner Fangemeinde drastisch, wie eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit ergab .

Auch im Negativen folgen manche Fans ihren Stars: Traurige Berühmtheit hat das „Werther-Phänomen“ erlangt, benannt nach Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“ von 1774, in dem ein junger Mann in Folge einer unglücklichen Liebe den Freitod wählt: Nach Erscheinen des Buches gab es zahlreiche Nachahmer, die, zum Teil gekleidet wie der junge Werther, Suizid begingen. Auch heute noch folgen unmittelbar nach dem Selbstmord berühmter Persönlichkeiten immer wieder Fans in den Tod. Auch den Schönheitswahn manchen Stars übernehmen Fans: Fankult-Forscher John Maltby von der University of Leicester fand heraus, dass sich Jugendliche umso häufiger kosmetischen Eingriffen unterziehen, je stärker sie Prominente verehren und je schlechter ihr Selbstbild ist. Seine Studie bringt das Magazin Journal of Adolescent Health in Kürze heraus.

Nur eine Rolle – oder doch Lebensinhalt?

Doch nicht alle Forscher glauben, dass Prominente übermäßig großen Einfluss haben. Medienforscherin Kerry Ferris von der Northern Illinois University im gleichnamigen Bundesstaat hält es zwar für naheliegend, dass langjährige Fans ihren Stars nacheifern, ähnlich wie Kinder Verhaltensweisen von Eltern und Lehrern übernehmen. Aber: „Manche Imitatoren sind nicht einmal Fans des Originals. Die machen einfach nur einen Job wie jeder Schauspieler.“ sagt Ferris.

Wie so oft liegt die Wahrheit wohl in der Mitte: Shelvis betont im Interview tatsächlich, er spiele nur eine Rolle. „Es ist mir wichtig, meine eigene Persönlichkeit sichtbar zu machen. Einige Imitatoren nehmen ihre Sache so ernst, dass sie ihre Zuhörer nicht einmal auf Deutsch ansprechen, weil Er ja kein Deutsch konnte. Das mache ich nicht.“ Doch dann erzählt er von den 130 Elvis-Platten und 200 CDs, die er zu Hause hat, von seiner Elvis-Presley-Radio-Show, die am ersten Montag im Monat ausgestrahlt wird, vom nächsten Konzert im März 2012, bei dem The King per Videoprojektion in Hamburg erscheint. Elvis ist eben Teil seines Lebens: Statt „Auf Wiederhören” sagt Eikmeier am Ende des Gesprächs: „You'll always be on my mind“.

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Infos zum Beitrag
Datum:
07.12.2011
Wissenschaftliche Betreuung:
Dr. Miriam Kunz
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