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Der Insellappen

Wer sich für den Insellappen – den Lobus insularis interessiert, muss ihn erst einmal finden: verdeckt vom Temporallappen und den Opercula – wörtlich den „Deckeln“ – des Frontal- und des Parietallappens ist er von außen nicht zu sehen. Johann Christian Reil (1759-1813) entdeckte ihn erst 1796. Nun ja, er beschrieb ihn erstmals 1796. Aber „Entdeckung“ passt so schön zu der Bezeichnung, die dem Lobus insularis im berühmten anatomischen Grundlagenwerk Gray´s Anatomy zuteil wurde: „The Island of Reil“.

Die zurückgezogene Lage der Inselrinde ist ontogenetisch begründet, denn während in der fötalen Entwicklung die anderen, bekannteren Lobi des Cortex immer weiter wachsen, bleibt die Insel in der Entwicklung stehen und wird nicht viel größer als eine Zwei-Euro-Münze. Dennoch sehen nicht wenige Anatomen in ihr den fünften Lappen des Großhirns.

Hoch betagt, aber flexibel

Phylogenetisch, also vom evolutionären Alter her betrachtet, ist die Insel hochbetagt. Und wie so viele alte Strukturen muss sie mehrere Aufgaben erfüllen. So gilt die Inselrinde als primärer gustatorischer Cortex, von wo aus Informationen an sekundäre olfaktorische Rindengebiete im orbitofrontalen Cortex weitergeleitet werden. Womit sich zeigt, dass auch bei der Verarbeitung im Gehirn Geruch und Geschmack nahe beieinanderliegen.

Doch auch allein deckt die Inselrinde eine überraschende Bandbreite ab: Nicht nur wird Geschmack verarbeitet und wahrgenommen, es findet auch gleich seine Bewertung statt. Beispielsweise manifestiert sich eine massive Ablehnung als Empfindung von Ekel, und auch der wird bewusst in der Insel. Das Extrem zur Ablehnung wäre wohl die krankhafte Vorliebe und hier ist zumindest von starken Rauchern bekannt, dass ein Schlaganfall in der Inselrinde sie von ihrer Sucht befreien kann. Als Therapie allerdings ist deren Entfernung nicht zu empfehlen, denn nicht zuletzt werden hier auch die Bedürfnisse von Hunger und Durst bewusst.

Das Wichtigste in Kürze

Die Inselrinde ist vergleichsweise klein und phylogenetisch alt. Sie gilt als multisensorisches Areal, wobei sie besonders wichtig bei der Verarbeitung von Geschmack ist. Doch nicht nur werden hier Hunger, Durst, Sättigung, Übelkeit und Atemnot bewusst, die Insel spielt auch eine Rolle bei der Empathie.

Doch in der Insel geschieht noch viel mehr, sie gilt als multisensorischer Cortex und ist zum Beispiel an der emotionalen Bewertung von Schmerz beteiligt. Als wichtiger Projektionsort der viszerosensiblen Bahn – also den Empfindungen der inneren Organe – empfängt sie neben Hunger viele weitere Informationen, darunter solche über Atemnot, Übelkeit und Völlegefühl. Oder den Füllungszustand der Harnblase. Darüber hinaus ist die Insula reziprok mit dem Thalamus und der Amygdala verschaltet, um so direkt - und indirekt - auf die Homöostase sowie auf Emotionen und emotionale Empfindungen Einfluss zu nehmen. Desweiteren gibt es Hinweise darauf, dass eine bilaterale Zerstörung der Insula zu einer kompletten auditorischen Agnosie führen kann. Nicht zuletzt ist die Inselrinde eines von mehreren vestibulären Zentren im Gehirn, beschäftigt sich also mit dem Gleichgewicht.

Zwischenmenschliches

Auch an der Spracherzeugung, zumindest der automatisierten Sprache, ist die Insula beteiligt: Bei reinen Wortwiederholungen wird kurz nach der Wahrnehmung gesprochener Worte die Insel aktiv. Zudem konnte gezeigt werden, dass Läsionen der posterioren Insula die Sprechmotorik stören und somit zu einer Beeinträchtigung des Sprechens führen können.

Sogar mit dem „Mit-gefühl“, einer der menschlichsten Fähigkeiten überhaupt, hat die Insula zu tun – wenn wir beispielsweise den Schmerz anderer nachempfinden. Wie die sozialen Neurowissenschaften in Studien mit bildgebenden Verfahren herausgefunden haben, zeigt sich in der vorderen Insula nicht nur bei eigenem, sondern auch bei beobachtetem Schmerz Aktivität.

Neben Empathie scheint die Insula beim Gefühl von Fairness genauso beteiligt zu sein, wie an Mutterliebe, dem Orgasmus, plötzlichen Eingebungen oder der Entscheidungsfindung. Besonders interessant ist ihre Aktivität bei der Aufmerksamkeit – vor allem bei der für uns selbst, für unsere aktuelle Befindlichkeit. Diese introspektive Qualität mag ein Grund sein, warum die Inselrinde beim Menschen im Vergleich zu seinen nächsten Verwandten überproportional größer ist.

Kommentare
Infos zum Beitrag
Autor:
Arvid Leyh
Datum:
22.09.2011
Schlagwörter:
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Oliver von Bohlen und Halbach
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