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Die Amygdala

In vielen Lehrbüchern heißt sie einfach Amygdala – zu Deutsch Mandelkern. Die Bezeichnung Mandelkernkomplex ist jedoch treffender, denn die Amygdala setzt sich aus mehreren Unterkernen zusammen. Im Register vieler Bücher ist die Amygdala nur unter ihrem vollständigen Namen, Corpus amygdaloideum, zu finden. Doch unter welchem Namen auch immer, als Teil des limbischen Systems beeinflusst sie Emotion und Erinnerung in vielfältiger Weise - vor allem, wenn Angst und Wut auftreten, ist sie im Spiel.

Lage und Struktur

Der Mandelkernkomplex liegt im vorderen Teil des Temporallappens, direkt vor dem Schwanz des Nucleus caudatus und dem Unterhorn des Seitenventrikels. Doch zu dem Komplex gehört auch ein Stück Hirnrinde. Die Amygdala ist also beides: Rinde und Kerngebiet – und eine Übergangszone dazwischen.

Gemeinhin wird der Mandelkernkomplex in drei unterschiedliche Gebiete unterteilt: Zum einen die zentromediale Kerngruppe, unter anderem mit den Nuclei centralis und medialis – beides Abkömmlinge des Striatums. Dann der basolaterale Komplex, wobei hier die Kerne Nucleus lateralis, Nucleus basalis – der sich zusätzlich in einen kleinzelligen innenliegenden und einen großzelligen seitlichen Teil aufspaltet – und Nucleus basolateralis zu nennen wären. Und als drittes die cortikale Kerngruppe mit dem Nucleus corticalis.

Das klingt komplex und es wird noch komplexer, weil jeder einzelne Amygdala-Kern seine eigenen Neuropeptide und Verschaltungen aufweist. Allerdings kooperieren sie stark miteinander: Zwischen den Kernen verlaufen zahlreiche Nervenfasern mit relativ kurzen Axonen.

Gut vernetzt

Über eine starke Verknüpfung mit dem Hirnstamm beeinflusst der oberflächliche Teil der Amygdala vor allem autonome Funktionen des Körpers – wie Atmung und Kreislauf – und passt sie der jeweiligen Situation an. Dieses Kerngebiet sorgt beispielsweise dafür, dass uns das Herz bis zum Halse klopft, wenn wir Angst haben. Von hier aus zieht zudem ein besonders dickes makroskopisch sichtbares Nervenbündel zum Hypothalamus im Zwischenhirn: die Stria terminalis. Sie kreuzt dabei den Thalamus und erreicht in einem weiten Bogen ihr Ziel. Der Hypothalamus als Zentrale des vegetativen Nervensystems erfährt so, wann er die Adrenalinproduktion in den Nebennieren anregen muss: Die Angst muss ja einen Grund haben, auf den der Körper besser vorbereitet wird. Der US-amerikanische Psychologe und Neurowissenschaftler Joseph LeDoux drückte es so aus: „Sobald man sich in Gefahr befindet, reagiert man schon. Die Evolution denkt für dich.“

Das Wichtigste in Kürze

Die Amygdala, der Mandelkernkomplex, spielt als Teil des limbischen Systems vor allem bei der Entstehung, Wiedererkennung und körperlichen Reaktion von Angst eine Rolle.

Nicht zuletzt steht der mediale Kern mit den olfaktorischen Cortexarealen für die Geruchswahrnehmung in Verbindung – ein phylogenetisches Erbe aus der Zeit, als Raubtiere sich über ihre Witterung verrieten.

Die basolaterale, phylogenetisch jüngere Kerngruppe hingegen erhält Informationen aus dem posterioren Thalamus – hier geht es um Reflexe - und praktisch allen sensorischen Cortexarealen und damit den fünf Sinnen Riechen, Schmecken, Sehen, Hören, Fühlen. Zu diesen Rindengebieten sendet die basolaterale Kerngruppe auch zurück. Und über den Thalamus zum präfrontalen Cortex. Dieser integriert sensorische Signale mit Gedächtnisinhalten und emotionalen Bewertungen und kann im Zweifel über seinen untersten Abschnitt – den orbitofrontalen Cortex – die Aktivität der Amygdala hemmen.

Wenn wir plötzlich eine Spinne sehen und uns erschrecken, zucken wir regelrecht zusammen. Verantwortlich ist eine Nervenverbindung zwischen Mandelkernkomplex (z. B. Nucleus centralis) und Basalganglien, welche die Amygdala an das motorische System anschließt.

Stimulationen und Läsionen

Reizt man bei Versuchstieren mit einer Elektrode den Mandelkernkomplex, ist die Reaktion davon abhängig, auf welches Gebiet man trifft: Ist es die oberflächliche Kerngruppe, wird das Tier anfangen zu schmatzen, Kau- oder Leckbewegungen machen. Außerdem wird der Speichelfluss angeregt. Reizt die Elektrode hingegen den tiefen Amygdala-Teil, hebt das Tier den Kopf, seine Pupillen weiten sich, es schaut sich aufmerksam um. Bei stärkeren Impulsen wird aus der gesteigerten Aufmerksamkeit Angst oder Wut.

Der Mandelkern wirkt vor allem als emotionaler Verstärker. Zu welcher Reaktion eine Stimulierung führt, hängt daher beim Menschen auch davon ab, in welcher Stimmung die Versuchsperson sich zum jeweiligen Zeitpunkt gerade befindet. Probanden berichteten außerdem, bei Reizung erinnerungsähnliche Halluzinationen gehabt zu haben, oder auch eine Déjà-vu-Erfahrung, also das Gefühl, eine Situation schon mal erlebt zu haben.

Die Funktion der Amygdala lässt sich am besten verstehen, wenn man betrachtet, was passiert, wenn sie fehlt - beispielsweise bei Affen, bei denen auf beiden Gehirnhälften die Amygdala gezielt zerstört wurde. Als Folge wirken die Tiere insgesamt emotionsloser als früher, vor allem aber fehlt es ihnen an jeglichem aggressiven oder defensiven Verhalten. Die Affen zeigen nicht die Spur von Furcht - auch dann nicht, wenn sie einer echten Gefahr, beispielsweise einer Schlange, begegnen. Dabei nehmen sie den äußeren Reiz der Schlange durchaus wahr, aber ohne Mandelkernkomplex bleibt der entsprechende Schreckreflex aus.

Und nicht nur das – ohne Amygdala haben die Tiere auch Schwierigkeiten, emotionale Assoziationen zu lernen, etwa einen bestimmten Gegenstand mit einer Belohnung zu verbinden oder mit einer Strafe. Außerdem suchen sie keinen Kontakt mehr zu anderen Affen und sind daher in der Gruppe bald isoliert.

Ganz ähnlich ist es beim Menschen. So beschrieb der britische Psychiater Robin Jacobsen einen Patienten, bei dem der Mandelkernkomplex aus Krankheitsgründen auf beiden Seiten operativ entfernt worden war. Die Person hatte in der Folge Schwierigkeiten, Gesichter zu erkennen und vor allem den Gesichtsausdruck ihres Gegenübers richtig zu deuten. Dadurch war auch das Sozialverhalten des Betroffenen stark gestört.

Einen ähnlichen Ausfall verursacht auch das Urbach-Wiethe-Syndrom, eine seltene Erbkrankheit, bei der unter anderem die Amygdala verkalkt. Die Erkrankten sind ebenfalls in ihrem Gefühls- und Sozialleben stark eingeschränkt. Dem Wort „Angst“ können sie keine Bedeutung zuordnen.

Der Mandelkernkomplex spielt auch eine Rolle für das Gedächtnis, genauer, das emotionale Gedächtnis. Normalerweise können wir uns besser an eine Situation erinnern, wenn starke Gefühle dabei beteiligt waren – besonders Angst oder Furcht. Menschen mit geschädigtem Mandelkernkomplex jedoch zeigen diesen Effekt nicht: Sie erinnern sich an abstoßende, an neutrale und an wohltuende Szenen - etwa in einem Film - gleich gut.

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Infos zum Beitrag
Datum:
22.09.2011
Schlagwörter:
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Herbert Schwegler
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