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Das Gebot der Fairness

Andere gerecht zu behandeln, ist ein universelles moralisches Gebot. Und unabdingbar für unser soziales Zusammenleben. Deshalb ist das Bedürfnis nach fairem Verhalten auch tief im Gehirn verankert ist und wird sogar mit Glücksgefühlen belohnt.

Copyright: Vicky Kasala / Photodisc / Getty Images

Ob ein Foul im Fußball, eine ungleiche Aufteilung der Süßigkeiten unter Geschwistern oder eine nicht gerechtfertigt erscheinende Note in der Prüfung: Wenn Menschen das Gefühl haben, unfair behandelt worden zu sein, reagieren sie oft sehr emotional. Da wird geflucht, gestritten, bestraft, geschimpft, und manche Auseinandersetzung in Kinderzimmer oder Schule endet schon mal unter Tränen. Was nicht ohne Wirkung bleibt, wie der Philosoph Steven Quartz betont. „Die emotionale Reaktion auf Ungerechtigkeit lässt Menschen von extremer Ungleichheit abrücken und bringt sie dazu, sich fair zu verhalten“, so Quartz, der am California Institute of Technology nach dem Wesen der Moral fahndet – mit den Methoden der Hirnforschung.

Gerechtigkeit gehört zweifelsohne zum menschlichen Moralcodex – das zeigt schon der Blick ins Grundgesetz. Wer sich nicht daran hält, stößt in aller Regel auf wenig Gegenliebe. Angesichts der Ablehnung durch Andere lernen wir von Kindesbeinen an, was gesellschaftlich erwünscht ist und was nicht. „Der grundlegende Impuls, fair zu handeln, ist allerdings nicht allzu schwer zu erlernen“, sagt Quartz. Denn das Bedürfnis nach Gerechtigkeit ist offenbar tief in unserem Gehirn verankert ist. Belege dafür kommen nicht zuletzt aus der Neuroökonomie. Also von Hirnforschern, die sich mit Situationen beschäftigen, bei denen faires, gerechtes Verhalten ein besonders kritischer Punkt ist – nämlich wenn’s ums liebe Geld geht.

Das Wichtigste in Kürze

  • In der Neuroökonomie wird die Reaktion auf faires und unfaires Verhalten mit dem so genannten Ultimatum-Spiel untersucht, bei dem die Teilnehmer Geldbeträge erhalten, die mal gleichmäßig und mal sehr ungleichmäßig unter den Spielern verteilt werden.
  • Erhält man ein faires Angebot, wird im Gehirn das Striatum und damit ein Teil des Belohnungssystems aktiv. So sorgt faires Verhalten für ein positives Gefühl.
  • Bei unfairen Angeboten feuert die Insula vermehrt, die auf schmerzvolle Stimuli reagiert. Gleichzeitig ist auch der präfrontale Cortex aktiv; vermutlich wird dort die negative emotionale Reaktion kontrolliert.
  • Der Sinn für Gerechtigkeit und faires Verhalten ist offenbar im Gehirn einprogrammiert, ebenso wie das Bedürfnis, Verstöße dagegen zu bestrafen. Anders wäre unser soziales Zusammenleben, das auf Kooperation fußt, praktisch undenkbar.

Rache ist süß

Dass Rache wirklich süß ist, demonstrierte Dominique de Quervain von der Universität in Zürich zusammen mit Kollegen in einer Studie, bei der er Teilnehmer um echtes Geld spielen ließ: Der erste Spieler bekam eine gewisse Summe, die vervierfacht wurde, wenn er sie an einen zweiten Spieler aushändigte. Dieser hatte die Wahl, die Hälfte davon wieder zurückzugeben – oder die gesamte Summe zu behalten.

Kooperierten beide Partner, bekamen sie also jeweils das Doppelte der Anfangssumme. Entschied sich aber der zweite Spieler, das Vertrauen des Gebers zu missbrauchen, ging dieser leer aus. Doch der Geber war nicht ganz hilflos. Wurde er enttäuscht, durfte er eine Minute lang überlegen, ob er den gierigen Nehmer bestrafen möchte – die Wahl der Sanktionen bestimmten dabei die Forscher. Mal gab es nur symbolische Strafpunkte, mal konnte der Geber dem Nehmer Geldstrafen aufbrummen – und so dessen Gewinn schmälern.

Während der Phase der Entscheidung über eine Sanktion scannten die Forscher das Gehirn des Gehörnten in einem Positronen-Emissions-Tomographen – und entdeckten, dass bei der Entscheidung für eine Strafe das Striatum und damit ein Teil des Belohnungssystems aktiviert wurde. Sogar wenn der Geber selbst Geld investieren musste, um den Nehmer zu bestrafen, war die Aktivität im Striatum erhöht. Die Aktivierung der Region sei deshalb so interessant, schreiben de Quervain und seine Kollegen, „weil diese Hirnregion mit Entscheidungsfindungen in Verbindung gebracht wird, die durch erwartete Belohnungen motiviert sind.“ Die Probanden hatten demnach das Gefühl, eine Bestrafung des unfairen Gegenübers werde sie später beglücken.

Den Wunsch nach Fairness gibt es weltweit

Wie tief der Sinn für Gerechtigkeit im Menschen verwurzelt ist, zeigt eine Untersuchung aus dem Jahr 2006, bei der das Gehirn noch gar nicht im Fokus stand. Ein Forscherteam der Emory University um den inzwischen an der University of British Columbia beschäftigten Anthropologen Joseph Henrich ließ 1.762 Menschen aus 15 verschiedenen Kulturkreisen mehrerer Kontinente an einem Ultimatum-Spiel teilnehmen – darunter Städter und Landbewohner, Afrikaner und Europäer, Nomaden und Farmer. Bei den Tests bekam einer der Spieler eine Geldsumme, die dem Tageslohn der jeweiligen Region entsprach. Von dieser Summe konnte er einem zweiten Spieler einen Teil abtreten. Dieser wiederum hatte die Möglichkeit, den Betrag entweder anzunehmen oder aber abzulehnen. Entschied er sich für die zweite Möglichkeit, gingen beide leer aus.

Wären die Spieler allein an ihrem eigenen Vorteil interessiert, müsste der zweite Spieler eigentlich jede Summe annehmen, die ihm der andere Spieler anbietet. Schließlich ist selbst ein bisschen Geld immer noch besser als gar nichts. Dennoch wiesen die Teilnehmer unfaire Angebote meist zurück: Je geringer die angebotene Summe war, desto höher stieg die Zahl der Ablehnungen – und das quer durch alle Kulturen. Unfaire Angebote wurden also abgestraft, und das unabhängig von Kulturkreis und Religion. Möglicherweise, so schlossen Heinrich und sein Team, sei diese Tendenz zur Bestrafung ungerechten Handelns ein wichtiger Teil der menschlichen Psyche – und ein Schlüsselelement, um unsere Gesellschaften zu verstehen.

Folgt man der These von Anthropologen wie Joseph Heinrich, ist der Drang, andere für unfaires Verhalten zu bestrafen, ein wichtiger Motor jedweder Kooperation. Denn nur wer berechtigte Hoffnung hegen kann, dass er nicht übervorteilt oder abgezockt wird, ist auch zukünftig willens, erneut zu kooperieren. Trittbrettfahrer aber, die nur nehmen und nichts geben wollen, gefährden das fragile Gebilde der Gegenseitigkeit. Sie zu bestrafen, ist daher das Mittel, ihnen zu signalisieren, dass ihr Verhalten nicht toleriert wird.

Forscher Joseph Henrich, hier rechts im Bild, publizierte 2005 eine weit reichende Studie zur Fairness. Er und seine Mitarbeiter hatten Menschen unterschiedlichster Kulturen das Ultimatum-Spiel spielen lassen. Copyright: Joseph Henrich.
Forscher Joseph Henrich, hier rechts im Bild, publizierte 2005 eine weit reichende Studie zur Fairness. Er und seine Mitarbeiter hatten Menschen unterschiedlichster Kulturen das Ultimatum-Spiel spielen lassen. Copyright: Joseph Henrich.
Gerechtigkeit im Hirnscanner

Dafür aber muss man Fairness überhaupt erst einmal wahrnehmen, den Sinn für Gerechtigkeit empfinden. Fest steht: All das passiert im Gehirn. Nur wo und wie? Licht ins Dunkel brachte hier Golnaz Tabibnia von der University of California mit Hilfe einiger Studenten, die bei einem Ultimatum-Spiel mitmachten, während ihr Hirn mit der funktionellen Magnetresonanztomographie gescannt wurde.

Hatte der Mitspieler zehn Dollar und offerierte den Probanden die Hälfte davon, zeigte sich eine starke Aktivierung des Belohnungssystems der Beschenkten, vor allem im Striatum. Bot der Mitspieler allerdings fünf Dollar an, obwohl er selbst 23 Dollar erhalten hatte, sank die Aktivität des Striatums – obwohl den Teilnehmern die gleiche Summe angeboten wurde wie vorher. Nicht das Geldgeschenk, sondern die Tatsache, dass den Probanden ein faires Angebot gemacht worden war, hatte also für die Aktivierung des Belohnungssystems gesorgt. „Es scheint, als sei unsere Hardware darauf gepolt, Gerechtigkeit als Belohnung zu empfinden“, sagt Matthew Lieberman, der Co-Autor der Studie.

Dazu passt, was im Gehirn der Probanden vor sich ging, wenn sie sich dafür entschieden, das Geld trotz des unfairen Angebots zu nehmen: Dann nämlich zeigte sich eine erhöhte Aktivierung des präfrontalen Cortex – einer Region, die mit der Kontrolle emotionalen Verhaltens assoziiert ist.

Unfaires Verhalten aktiviert die Insula

Auch Neurophilosoph Steven Quartz hat sich das Gehirn von Probanden angeschaut, während diese mit dem Thema Gerechtigkeit beschäftigt waren. Im Zusammenhang mit einer angesichts des Zeitdrucks sehr schwierigen und fehlerträchtigen Aufgabe – denn sie mussten in nur wenigen Sekunden entscheiden, wie sie Lebensmittel für Kinder in einem afrikanischen Waisenhaus verteilen würden. Je nach Beschluss gingen mal mehr, mal weniger Waisen leer aus. Dabei zeigte sich, dass insbesondere bei ungleicher Verteilung der Nahrung der vordere Teil der Insula im Gehirn aktiv wurde –  ein Areal, das nicht nur auf schmerzvolle Stimuli reagiert und bei Ekel und Abneigung aktiv ist, sondern auch auf soziale Ausgrenzung, missglückte Kooperation oder das Erlebnis, geliebte Menschen in ihrem Schmerz zu sehen. Und offenbar ebenso dann, wenn man selbst meint, ungerecht gehandelt zu haben. Forscher vermuten, dass dieses Hirnareal unter anderem dabei hilft, negative soziale Erlebnisse in Zukunft zu vermeiden.

In anderen Studien mit Ultimatum-Spielen kristallisierte sich zudem heraus, dass Probanden unfaire Angebote eher annehmen, wenn die Aktivität des präfrontalen Cortex im Vergleich zum neutralen Zustand höher ist als die der vorderen Insula im Vergleich zu derem neutralen Zustand. Vermutlich ringen in solchen Fällen emotionale Empörung wegen des unfairen Angebots mit rationalen Mechanismen der Abwägung von Vor- und Nachteilen. Eine Untersuchung des Karolinska Institutet in Schweden aus dem Jahr 2011 hat zudem ergeben, dass auch die Amygdala, die für Emotionen wie Angst und Wut entscheidend verantwortlich ist, bei der Verarbeitung unfairer Erlebnisse eine Rolle spielt: Probanden, die bei einem Ultimatum-Spiel ein ungerechtes Geldangebot erhalten hatten, neigten eher dazu, es anzunehmen, wenn sie ein angsthemmendes Mittel eingenommen hatten, das die Amygdala-Funktion schwächte. In der Kontroll-Gruppe wiederum, die nur ein Placebo erhalten hatte, reagierten die Teilnehmer auf die unmoralischen Angebote umso emotionaler, je höher die Aktivität ihrer Amygdala war.

Solche Ergebnisse lassen kaum Zweifel: Fairness ist mehr als nur eine moralische Kategorie. Es ist eine Sichtweise, die tief in uns verankert ist – und der wir uns kaum entziehen können. Was ein neues Licht auf die Art und Weise wirft, wie die Wirtschaftswissenschaften lange über den Menschen gedacht haben. Dort wurde angenommen, der Mensch sei als rationales Wesen ausschließlich auf sein eigenes Fortkommen bedacht, ein eingefleischter Egoist also. Die Studien aus dem Bereich der Neuroökonomie zeigen jedoch, dass wir komplexer und auch kooperativer sind, als es die Modelle bisher vorsahen.

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My Brain
Infos zum Beitrag
Datum:
16.10.2011
Wissenschaftliche Betreuung:
Dr. Peter Mohr
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