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Aus der Balance

Millionen Bundesbürger leiden unter psychischen und neurologischen Störungen. Heilen lassen sich Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson noch nicht. Doch das Verständnis der Krankheitsmechanismen wächst – und damit die Hoffnung auf neue Therapien.

Copyright: Meike Ufer

Weltweit gut eine Milliarde Betroffene – so hoch ist nach aktuellen Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO die Zahl der Menschen, die rund um den Globus an Störungen des zentralen Nervensystems leiden. Dazu gehören so bekannte Krankheiten wie Parkinson, Schlaganfall, Epilepsie, Depressionen, Angststörungen und die Demenzen, aber auch seltenere, exotische Leiden wie etwa die amyotrophe Lateralsklerose oder das Tourette-Syndrom. Die wichtigsten und häufigsten dieser Krankheitsbilder stellen führende Experten in unseren Video-Interviews vor.  Zur Medien-Übersicht

Das Wichtigste in Kürze

  • Psychische und neurologische Störungen betreffen Millionen Bundesbürger und eine Milliarde Menschen weltweit. Experten gehen davon aus, dass die Zahlen weiter steigen.
  • Ihre Versorgung ist eine Herausforderung für die Gesellschaft und für die Forschung, denn neue effektive Therapien für bislang nicht heilbare Leiden wie Alzheimer, Parkinson oder multiple Sklerose sind dringend erforderlich.
  • Ursachen und Krankheitsmechanismen werden dank intensiver Forschungsbemühungen mehr und mehr verstanden. Das eröffnet Ansatzpunkte für die Therapie. Doch immer wieder muss die Wissenschaft auch Rückschläge hinnehmen.

2050: 2,6 Millionen Demenzpatienten

Die Erkrankungen verursachen nicht nur großes menschliches Leid, sondern auch enorme volkswirtschaftliche Kosten. So beliefen sich nach Berechnungen des statistischen Bundesamts die durch „Krankheiten des Nervensystems“ bedingten Kosten im Jahr 2008 auf gut 12,5 Milliarden Euro. Mit weiteren knapp 28,7 Milliarden Euro schlugen „psychische und Verhaltensstörungen“ zu Buche. Davon wurden allein 9,4 Euro für Demenzerkrankungen ausgegeben. Und die Kosten werden weiter steigen, da sind sich die Fachleute einig.

Denn viele Krankheiten des Gehirns sind Krankheiten des Alters. So beginnt der Morbus Parkinson in der Regel zwischen dem 55. und 60. Lebensjahr. Demenzen treten meist erst ab dem 65. Geburtstag auf, doch danach nimmt die Erkrankungswahrscheinlichkeit mit jedem weiteren Lebensjahr zu, ab 80 sprunghaft. Da die Lebenserwartung steigt, wird es immer mehr ältere Menschen geben – und damit auch mehr Demenzpatienten. 1,3 Millionen sind es aktuell in Deutschland. 2050 könnten es nach Vorausberechnungen 2,6 Millionen sein. Diese zumeist pflegebedürftigen Menschen so zu versorgen, dass ihr Leben trotz der Krankheit lebenswert bleibt, ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft, die enorme Anstrengungen erfordert – angefangen von der Unterstützung von Angehörigen bei der häuslichen Pflege, über den Ausbau spezieller Wohnangebote – Stichwort: Alzheimer-WG – bis hin zur Verbesserung der derzeit oft problematischen Betreuung von dementen Patienten in Krankenhäusern. Problemfall Demenzpatient

Viele Krankheiten des Gehirns entwickeln sich erst im Laufe des Lebens. Bei Alzheimer und Morbus Parkinson etwa sind vor allem Ältere Menschen betroffen. Copyright: starpics – Fotolia.com
Viele Krankheiten des Gehirns entwickeln sich erst im Laufe des Lebens. Bei Alzheimer und Morbus Parkinson etwa sind vor allem Ältere Menschen betroffen. Copyright: starpics – Fotolia.com

Hoffnung auf Heilung

Was die gesamte Problematik lösen oder zumindest deutlich entschärfen würde, wären effektive Behandlungsmethoden. Doch leider ist es trotz intensiver Forschungsbemühungen bis heute nicht möglich, die neurodegenerativen „Volksleiden“ Demenz und Parkinson ursächlich zu heilen, ebenso wenig wie Schlaganfall oder Multiple Sklerose. Und immer wieder musste die Wissenschaft herbe Rückschläge hinnehmen. So schien der Traum von einer Impfung gegen Alzheimer kurz vor dem Ziel geplatzt, als bei seiner Erprobung am Menschen schwere Nebenwirkungen auftraten. Doch inzwischen keimt neue Hoffnung auf. Rund ein Dutzend neue Impfstoffe werden derzeit bereits am Menschen getestet, weitere befinden sich in der Entwicklungsphase. Roger Nitsch, einer der führenden Köpfe auf dem Gebiet, ist optimistisch: „In den nächsten Jahren wird es eine neue Therapie gegen Alzheimer geben“, sagt der Neurowissenschaftler von der Uni Zürich.

Dazu soll die Hirnforschung in Deutschland maßgeblich beitragen. Deshalb wurde 2009 das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mitinitiierte Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) gegründet. An dem mit jährlich 66 Millionen Euro geförderten Verbund sind Universitäten und Forschungseinrichtungen an acht Standorten beteiligt. Untersucht wird auch, wie die Versorgung der Betroffenen verbessert werden könnte und welche Maßnahmen zur Prävention von Demenzen und Parkinson in Frage kommen. Im Mittelpunkt steht aber die Grundlagenforschung. Warum sterben bei neurodegenerativen Erkrankungen Nervenzellen ab? Welche molekularen und zellulären Vorgänge stecken dahinter? Welchen Einfluss haben die Gene auf das Erkrankungsrisiko? Und welchen die Umwelt?

Blicke ins kranke Gehirn

Diese Fragen zu den Ursachen und Krankheitsmechanismen zu beantworten, um daraus Ansatzpunkte für neue Behandlungsmethoden zu entwickeln, ist das erklärte Ziel des DZNE. Und von vielen tausend Wissenschaftlern weltweit. „Mindestens die Hälfte aller Neurowissenschaftler beschäftigt sich mit der Erforschung von Krankheiten und Therapien“, sagt Helmut Kettenmann, Vize-Präsident der Neurowissenschaftlichen Gesellschaft.

Das Verständnis von neurologischen und psychischen Störungen wächst seit Jahren rasant, nicht zuletzt bedingt durch methodische und technische Innovationen. So ist es heute möglich, die Krankheitsprozesse, die bei Multipler Sklerose zur Zerstörung der Nervenzellen führen, im Gehirn von Mäusen „live“ zu beobachten. Dank automatisierter Analysemethoden kennt man inzwischen mehr als 50 Genvarianten, die das Erkrankungsrisiko zumindest mitbestimmen. Viele dieser Erbgutabschnitte beeinflussen offenbar die Entwicklung eines Typs von Immunzellen, was Optionen für neue Therapien eröffnet – auch wenn die genauen Zusammenhänge erst noch erforscht werden müssen. Jagd auf die Amok-Zellen

Auch wenn manche Krankheiten wie Morbus Parkinson oder Multiple=
Auch wenn manche Krankheiten wie Morbus Parkinson oder Multiple=
Tabuthema psychische Störungen

Wie wichtig es ist, die Mechanismen neurologischer und psychischer Störungen zu entschlüsseln, zeigt das Beispiel Depressionen. Im Gehirn der Betroffenen herrscht ein relativer Mangel an Serotonin, einem Neurotransmitter, der auf Grund seiner Wirkung auf die Stimmungslage oft auch als „Glückshormon“ bezeichnet wird. So genannte SSRIs hemmen die Wiederaufnahme von Serotonin in die Nervenzellen und heben so dessen Spiegel pharmakologisch an. Die Substanzgruppe ist aus der Depressionstherapie nicht mehr wegzudenken. Allerdings wirken die SSRIs nicht bei allen Betroffenen. Doch bei solchen schweren, therapieresistenten Depressionen erlebt mit der Elektrokrampftherapie ein lang bekanntes Therapieverfahren jetzt eine vielversprechende Renaissance.

Bis zu zehn Prozent der Bundesbürger machen mindestens einmal im Leben eine behandlungsbedürftige depressive Episode durch. Für sie ist neben effektiven Therapien aber noch etwa ganz anderes wichtig: mehr Akzeptanz und Toleranz. Denn gerade psychische Leiden sind immer noch ein gesellschaftliches Tabuthema, werden totgeschwiegen oder verdrängt. Ähnliches gilt auch für Erkrankungen wie Alzheimer, Epilepsie, Schlaganfall oder Parkinson. Für die Patienten und ihre Angehörigen ist das eine enorme zusätzliche Belastung. Dabei machen die vier Millionen Depressionspatienten, die 1,3 Millionen Demente, die 250.000 jährlichen Schlaganfälle, die bis zu 800.000 Epileptiker in Deutschland mehr als deutlich: Psychische und neurologische Erkrankungen sind keine Randerscheinung, sondern ein Massenphänomen. Anlass genug zu akzeptieren, dass das Gehirn zwar anders als andere Organe den Menschen ausmacht, aber ebenso krank werden kann wie Lunge, Herz und Nieren.

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Infos zum Beitrag
Autor:
Ulrich Kraft
Datum:
16.01.2012
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Ulrich Dirnagl
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