Außenstelle des Gehirns
Wie eine Art Grenzposten besitzt unsere Haut zahlreiche Oberflächensensoren, die auf Veränderungen in unserer Umwelt reagieren. Ihre Aufgabe ist es, das Gehirn vor möglichen Gefahren zu warnen.
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Vorsichtig streichen die Fingerspitzen über ein Stück Papier. Kleinste Unebenheiten werden spürbar, punktuelle Erhebungen in bestimmtem Abstand und mit bestimmtem Muster – es ist die Blindenschrift, entwickelt von Louis Braille. Mit ihrer Hilfe können Blinde allein dank der Sensibilität ihrer Finger ganze Texte lesen. Für unsere Fingerkuppen ist das bei etwas Übung keine besondere Leistung: Sie können sogar winzigste Erhebungen von gerade einmal 0,006 Millimetern erspüren. Ein Punkt der Blindenschrift ist 167 Mal höher.
Die feine Sensorik verdankt unsere Haut mehreren Sinneszellen, die wie Oberflächensensoren Reize an das Rückenmark weiterleiten. Gemeinsam mit den Sinnesorganen, wie beispielsweise unseren Augen und Ohren, sind sie so etwas wie die Außenstellen unseres Gehirns.
Über die Sensoren in unserer Haut nehmen wir wahr, ob es heiß oder kalt ist, ob wir verletzt werden, sich etwas an uns drückt oder ob wir einfach nur liebevoll von einem anderen Menschen gestreichelt werden. Unser Gehirn entscheidet, ob ein solcher Kontakt von außen als feindlich oder als freundlich einzustufen ist – und reagiert entsprechend.
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- Die Mehrheit der Rezeptoren der Haut stellen die Mechanorezeptoren. Sie reagieren auf unterschiedliche Verformungen der Haut.
Mechanorezeptoren fühlen Berührungen
Die Mehrheit der Oberflächensensoren der Haut stellen die so genannten Mechanorezeptoren. Sie befinden sich in den dermalen Schichten der Haut und reagieren auf physische Verformungen, sind also die Wächter über alle Hautkontakte. Dabei herrscht strikte Arbeitsteilung: Unterschiedliche Sensoren übernehmen unterschiedliche Aufgaben, die in ihrer Gesamtheit dem Gehirn einen genauen Eindruck davon geben, was um den Körper herum passiert.
So registrieren die Meissner-Körperchen, wie schnell die Haut an der Reizstelle eingedrückt wird. Eingebettet sind diese 100 bis 150 Mikrometer großen Sinneszellen zum Beispiel in der Haut der Fingerspitzen, der Handflächen oder der Fußsohlen – aber auch in den Lidern und Genitalien. Merkel-Zellen mit einem Durchmesser von 10 Mikrometern reagieren indes auf eine anhaltende Berührung. Auch sie findet man in der Handinnenfläche oder der Fußsohle, aber auch in behaarter Haut.
Ruffini-Körperchen sind hingegen Sensoren für die Stärke einer Hautdehnung. Sie sind etwa zwei Millimeter lang, verteilen sich über unsere gesamte Körperoberfläche – und sind auch in Gelenken, Gefäßwänden und Bändern zu finden, wo sie deren Dehnungszustand kontrollieren. Spüren Sie auf der Haut eine Vibration, so haben Sie dies den Vater-Pacini-Körperchen zu verdanken. Diese haben einen Durchmesser von einem Millimeter und liegen in der Unterhaut, aber auch in Organen wie beispielsweise der Harnblase oder der Bauchspeicheldrüse. Auch die Haare in unserer Haut geben dem Hirn Hinweise: Werden sie berührt, dehnt sich der Haarfollikel-Rezeptor.
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- Die Mechanorezeptoren der Haut haben unterschiedliche Zuständigkeiten, die in ihrer Gesamtheit einen guten Eindruck der Berührung liefern. Wie sie arbeiten, kann man beim Ertasten der Blindenschrift erkennen. Grafik nach: J.R. Phillips et al, 1990
Rezeptive Felder bestimmen Empfindsamkeit
Jeder Rezeptor ist zuständig für ein bestimmtes Areal auf der Haut, das so genannte rezeptive Feld. Alle an dieser Hautregion eintreffenden Informationen leitet der Rezeptor an nachgeschaltete Neurone weiter. Dabei variiert die Größe des rezeptiven Feldes je nach Sensorzelle. Vater-Pacini-Körperchen etwa haben viel größere rezeptive Felder als Meissner-Körperchen oder Merkel-Zellen.
Weil aber die Information über den Ort einer Reizung genauer wird, je kleiner das rezeptive Feld ist, liefern Körperregionen, in denen viele Merkel-Zellen und Meissner-Körperchen lokalisiert sind, detailliertere Empfindungen einer Berührung. Darum sind wir an den Handflächen und Fußsohlen, die besonders viele Meissner-Körperchen und Merkel-Zellen beherbergen, besonders empfindlich.
Das Wichtigste in Kürze
- Zahlreiche unterschiedliche Oberflächensensoren in unserer Haut messen Berührung, Kälte, Wärme oder Verletzung.
- Die Informationen der Sensoren gelangen über das Rückenmark ins Gehirn. Sie werden zum Teil aber schon im Rückenmark ausgewertet und lösen Reflexe aus.
- Weil Körperregionen wie Fingerspitzen oder Lippen besonders viele Sensoren aufweisen, erhält das Gehirn für sie ein sehr detailliertes Bild.
Sensoren für Wärme, Kälte und Schaden
Neben den Mechanorezeptoren gibt es eine weitere Gruppe von Hautsensoren: Die Thermorezeptoren sind unser körpereigenes Thermometer. Als freie Nervenendigungen reagieren sie jeweils entweder auf Wärme oder Kälte. Damit erfüllen sie eine wichtige Funktion: Verändert sich die Außentemperatur, muss der Körper seinen Stoffwechsel anpassen, damit die Körpertemperatur konstant bei 37 Grad Celsius bleibt. Würde sich die Körpertemperatur nämlich um mehrere Grade verändern, könnten Stoffwechselprozesse nicht mehr korrekt ablaufen. Und das kann tödlich enden.
Besonders dicht sitzen die Kalt- und Warmrezeptoren an Kinn, Nase, Ohrmuschel, Ohrläppchen und Lippen. Insgesamt besitzt unsere Hautoberfläche etwa 250.000 Kälterezeptoren. Dabei verfügen wir über mehr Kalt- als Warmrezeptoren. Evolutionsbiologen vermuten als Grund hierfür, dass in unserem natürlichen Lebensraum die Gefahr auszukühlen höher ist, als zu überhitzen.
Auch Schmerzrezeptoren verteilen sich als freie Nervenenden auf unserer Körperoberfläche. Mit ihrer Hilfe erfährt unser Gehirn, an welcher Stelle der Haut ein Schaden droht, und hilft so, uns vor Verletzungen zu schützen. Dazu werden diese Rezeptoren durch starke mechanische, thermische oder chemische Reize erregt. Eine Untergruppe ist dazu noch für den Juckreiz zuständig.
Über das Rückenmark ins Gehirn
Aber was genau passiert nun im Körper, wenn wir uns mit einer Feder über die Haut streichen, oder wir plötzlich im kalten Winterwind stehen? Der jeweilige Reiz wird von den Sinneszellen in ein elektrisches Signal umgewandelt. Dieses folgt den Nervenbahnen über das Rückenmark in Richtung Gehirn, wobei es zunächst im Rückenmark auf weitere Nervenzellen umgeschaltet wird. Die so schon „vor-ausgewertete“ Nachricht läuft dann weiter über das verlängerte Mark (Medulla oblangata) in den Thalamus, der als Filter für Informationen fungiert. Schließlich erreicht sie die primäre sensorische Region der Großhirnrinde, den somatosensorischen Cortex. Mechanische Reize, Temperaturreize oder auch Schmerzen werden hier lokalisiert und bewertet.
Allerdings erreichen nicht alle Reize dieses Hirnareal: Bereits im Rückenmark gibt es neuronale Verknüpfungen, die ohne Mitwirkung des Gehirns einfache Bewegungen auslösen – die Reflexe.
Abhängig davon, in welcher Körperregion eine Rezeptorzelle einen Reiz wahrgenommen hat, erreichen die Informationen auch eine bestimmte Region im somatosensorischen Cortex. Jede Körperregion hat damit ihr Abbild in der Hirnrinde. Die Größe dieses Abbildes entspricht jedoch nicht der Fläche der Körperregion. Denn Körperteile mit einer hohen Dichte an Rezeptoren, wie die Fingerspitzen, leiten wesentlich mehr Informationen über eine Berührung oder Schmerzen an unser Gehirn weiter, als es beispielsweise die Rückenregion tut. Die größere Anzahl von Neuronen wiederum besetzt eine größere Fläche der Hirnrinde. So kann das Gehirn ähnlich wie ein Fotoapparat mit einer höheren Anzahl von Pixeln ein genaueres Bild dieser Körperteile berechnen.
Die Folgen können Sie selbst testen: Streichen Sie doch einmal mit Ihren Fingerspitzen über ein Stück Holz. Fahren Sie anschließend mit demselben Stück Holz Ihren Rücken ab. Spüren Sie den Unterschied? Nicht umsonst ist in Situationen, die viel Einfühlungsvermögen erfordern, „Fingerspitzengefühl“ gefragt.





