Skip to content. | Skip to navigation

 
 

Weise Greise

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Stimmt nicht! Ältere Menschen können vom Jonglieren bis zur neuen Sprache alles lernen. Und in manchen Fähigkeiten übertrumpfen sie sogar jeden Jungspund.

Copyright: Digital Vision / Digital Vision / gettyimages

Charlie Chaplin dachte nie daran, sich zur Ruhe zu setzen. Kaum hatte er seinen 70. Geburtstag gefeiert, wurde er noch zweimal Vater. Doch er besann sich nicht etwa auf die Familie, sondern stürzte sich umso mehr in die Arbeit. Mit 78 Jahren drehte er als Regisseur und Drehbuchautor seinen ersten und einzigen Farbfilm: „Die Gräfin von Hongkong“.

Die Kritiker waren nicht sonderlich angetan von dem Werk. „Eine zähflüssige Romanze“, urteilt das Lexikon des internationalen Films. Doch aus Sicht der Alternsforschung verkörpert Chaplin ein Ideal. Er sprühte vor Lebenslust, Scharfsinn und Esprit – bis ans Lebensende. So sollten wir alle alt werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Senioren können bis ins hohe Alter lernen. Ihr Gehirn wächst und regeneriert sich ähnlich dem junger Menschen.
  • Ältere Menschen bauen auf Lebenserfahrung und eine gute Bildung auf und sind deshalb oft besonders klug, sprachgewandt und können komplexe Situationen besser beurteilen. Diese kristalline Intelligenz macht ihre Weisheit aus.
  • Junge Menschen sind indes besonders flink und geistig wendig. Diese fluide Intelligenz lässt mit zunehmendem Alter nach, kann aber trainiert und somit erhalten werden.

Eine andere Intelligenz?

Der Politologe James Flynn aus den USA erregte in den 1980er-Jahren mit der Beobachtung Aufsehen, dass der IQ zwischen 5 und 25 Punkten pro Generation zunimmt. Jüngst gab er der These vom geistigen Höhenflug einen neuen Dreh: Man könne daraus ableiten, dass die Menschen immer intelligenter werden. Man könnte aber auch schlussfolgern, dass sowohl Schule als auch Intelligenztests heute mehr denn je auf das schnelle Abrufen von Leistungen, auf logisches und visuelles Denken ausgerichtet sind.

„Es ist also sehr schwer, junge und alte Gehirne objektiv miteinander zu vergleichen“, kommentiert der Schweizer Psychologe Philippe Rast diese These. „Vielleicht sind die jungen Probanden einfach besser, weil sie anders aufwachsen, zum Beispiel mit Computern vertraut sind, an denen die Tests gemacht werden.“ Und er fordert: „Wir brauchen unbedingt Längsschnittstudien – also Studien, in denen wir dieselben Probanden über einen sehr langen Zeitraum verfolgen–, um das mentale Altern wirklich zu verstehen.“

Der gewiefte Alte – eine Randerscheinung? Wo Themen wie Demenz und Parkinson’sche Krankheit die öffentliche Debatte bestimmen, erscheint das so. Wenn in Deutschland von der Überalterung der Gesellschaft die Rede ist, taucht eine Schar seniler Senioren vor dem geistigen Auge auf. Neurowissenschaftler malen mit an dem düsteren Bild: Katrin Amunts von der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Aachen beispielsweise. Sie verkündete 2008, dass das Gehirn schon ab 18 Jahren schrumpfe. Nach der Pubertät geht’s also bergab, könnte man meinen.

Akrobatik im Alter

Es gibt nur wenige Forscher, die sich der gesunden Alten annehmen. Die meisten stürzen sich auf die Vergesslichen und Gebrechlichen, in der Hoffnung, ihr Leiden zu verstehen und Therapien zu entwickeln. Diese Konzentration aufs Pathologische verstellt den Blick auf die Realität. Deshalb hat eine Studie, die Arne May 2008 im „Journal of Neuroscience“ veröffentlichte, die Fachwelt verblüfft.

24 Frauen und 20 Männer zwischen 50 und 67 Jahren ließ er drei Monate lang das Jonglieren üben. „Können die das überhaupt noch lernen?“, zweifelten einige Kollegen. „Wir suchten etwas, das einfach ist, was man nie wieder vergisst und was nicht jeder kann wie Radfahren“, erklärt Neurowissenschaftler May, der am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf arbeitet. Tatsächlich lernten alle, auch die Rentner, das Kunststück. Im Vergleich zu jungen Menschen brauchten sie lediglich etwas länger.

Unerschöpflicher Geist

Nach Abschluss des Trainings verglich May die Gehirne der Jongleure im Kernspintomografen mit denen einer Kontrollgruppe im selben Alter, die nicht geübt hatte. Überraschend: Sogar im vermeintlich starren Geist der älteren Teilnehmer hatte die Akrobatik Spuren hinterlassen. Der Hippocampus, ein zentraler Bereich für das Lernen, und ein Teilgebiet des Belohnungszentrums, der Nucleus accumbens, waren gewachsen. Die graue Substanz im visuellen Assoziationscortex hatte mächtig zugelegt. Diese Region ist darauf spezialisiert, Bewegungen im Raum zu erfassen. „Auch die Älteren sind lernfähig. Ihre Gehirne haben genauso wie das junge Denkorgan die Fähigkeit zur strukturellen Plastizität“, fasst May zusammen. Sogar schon nach einer Woche Training ist der positive Effekt im Kopf zu sehen. „Und selbst wenn man aufhört zu üben, geht das Polster im Kopf nicht zurück auf Null – ganz unabhängig vom Alter.“Bis heute lässt sich das geistig-strukturelle Wachstum nicht genau erklären. Aber, so viel ist klar: Das Denkorgan ist kein Bestandsgebäude, an dem stetig der Zahn der Zeit nagt. So weiß man, dass auch im Gehirn von Erwachsenen zeitlebens neue Nervenzellen gebildet werden. Sie entstehen vor allem im Hippocampus, jenem so wichtigen Areal für Lernen und Gedächtnisbildung. Und an Mäusen haben Forscher gelernt, dass sich die neu gebildeten Zellen in die bestehenden Netzwerke einpassen und zur Lernfähigkeit der Tiere beitragen.

„Wir haben die älteren Menschen unterschätzt“, sagt May. Sie lernen lebenslang. „Das sehr düstere Bild des geistigen Abbaus ab 25 Jahren ist definitiv falsch“, bekräftigt der Schweizer Psychologe Philippe Rast.

Alt schlägt jung

Nicht einmal das Gedächtnis der Senioren ist immer schlechter als das der nachfolgenden Generationen. Rast, der gegenwärtig an der University of Victoria in Kanada forscht, wertete 2012 Daten zu den kognitiven Fähigkeiten von 334 Zürichern zwischen 66 und 81 Jahren aus. Die Probanden sahen unter anderem 27 Wörter je zwei Sekunden lang auf einem Monitor und mussten sich möglichst viele Begriffe einprägen. Über fünf Durchgänge konnten sie sich sukzessive steigern. So wurde die Lernleistung gemessen. Der Test stellt zudem den Wortschatz, das Arbeitsgedächtnis und die Verarbeitungsgeschwindigkeit auf die Probe. Gerade die letzten beiden kognitiven Leistungen lassen angeblich mit dem Alter deutlich nach. Doch in dieser Studie zeigte sich das nicht: Ob die Probanden sich viele oder wenig Wörter merken konnten, hing nicht mit ihren Jahren zusammen. Vielmehr ließ sich die Merkfähigkeit alleine mit dem Wortschatz und dem Arbeitsgedächtnis erklären. Je besser beide waren, desto mehr Begriffe konnten die Senioren abrufen. Lediglich beim Tempo spielte das Alter eine Rolle: Die jüngeren Teilnehmer konnten schneller antworten.

Bei einzelnen Geistesgaben übertrumpft die Silbergeneration sogar die Jüngeren. „Im Kopfrechnen sind sie viel besser“, nennt Rast ein Beispiel, „weil die heutige Jugend mit Taschenrechnern groß wird.“

Alle sieben Jahre erfassen Forscher um Warner Schaie, Psychiater an der University of Washington, die geistigen Fähigkeiten von bis zu 6000 Personen. Diese Seattle Longitudinal Study begann vor über 60 Jahren und ist die längste Erhebung zum mentalen Alterungsprozess überhaupt. Die Befunde rehabilitieren die Betagten: Die über 50-Jährigen stechen die 25- bis 35-Jährigen in puncto Sprachkompetenz und Wortgedächtnis aus. Sie können sich besser räumlich orientieren und in komplexen Situationen leichter Schlussfolgerungen ziehen.

Alternsforscher und Biochemiker Christian Behl von der Universität Mainz fasst die bisherigen Befunde so zusammen: „Bei den kurzzeitigen Gedächtnisleistungen, also flink sein, sich schnell etwas merken, rasch Neues begreifen, sind junge Menschen klar im Vorteil. Aber bei langzeitlichen Gedächtnisleistungen, die an die Erfahrung und an die Lebensgeschichte anknüpfen, können die Älteren punkten: Sie sind besser darin, komplexe Sachverhalte zu analysieren und Schlüsse daraus abzuleiten.“

Eminenz mit kristalliner Intelligenz

Das Weltwissen und die Lebenserfahrung, die so genannte kristalline Intelligenz, wachsen im Laufe des Lebens. „Es ist wie mit einem guten Obstbaum. Im hohen Alter kann man die besten Früchte ernten“, erklärt May.

Es ist nie zu spät, jonglieren zu lernen. Copyright:  2897260 / 123RF Stock Foto
Es ist nie zu spät, jonglieren zu lernen. Copyright: 2897260 / 123RF Stock Foto
Deshalb lernen Ältere sinnvollen Stoff auch besser als Junge, weil sie auf Erfahrung und Vorwissen aufbauen können, ergänzt Michael Falkenstein vom Institut für Arbeitsforschung an der Technischen Universität Dortmund.

Demgegenüber steht der Begriff „fluide Intelligenz“ für die Fähigkeit, neue Probleme zu lösen und sich in neuen Situationen schnell zurechtzufinden. Vor allem der präfrontale Cortex und der mediale Temporalcortex sind hier gefordert. Beide Areale sind vergleichsweise stark vom Abbau im Alter betroffen. Bei dieser Intelligenzleistung sind junge Menschen im Vorteil. Kinder lernen darum spielend leicht, mit neuen Geräten wie Smartphones und Tabletcomputern umzugehen.

Lange Zeit nahm man an, dass diese geistige Flexibilität angeboren und unabänderlich ist. Doch das Team um den Psychologen Walter Perrig, Gedächtnisforscher an der Universität Bern, konnte 2008 zeigen, dass die fluide Intelligenz sich sehr wohl mit einem kognitiven Training des Arbeitsgedächtnisses steigern lässt – und zwar bei Erwachsenen. Wenn Senioren jonglieren lernen, warum sollten sie nicht auch ihre geistige Beweglichkeit trainieren können?

Einer wie keiner

Noch etwas lehren die bisherigen Studien: Keine Gruppe verhält sich in den Tests so heterogen wie die Generation 60 plus. Dies fiel beispielsweise der Psychologin Irene Nagel vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin auf, als sie 20- bis 30-Jährige mit 60 bis 70 Jahre alten Personen verglich. Alle sollten sich bestimmte räumliche Muster merken und diese nach kurzer Pause wiedererkennen. Diese Aufgabe fordert in erster Linie das visuell-räumliche Arbeitsgedächtnis. Nagel analysierte, welche Hirnareale aktiviert wurden. Je anspruchsvoller die Aufgabe, desto mehr sollte das Arbeitsgedächtnis in Beschlag genommen werden, um gute Leistungen zu erzielen. In der Gruppe der älteren Teilnehmer schwankte die Aktivierung des Areals viel stärker als bei den jungen Teilnehmern. Sie schnitten dadurch sehr unterschiedlich ab. Einige Senioren absolvierten den Test mit Bravour und übertrafen viele der Jüngeren, wohingegen andere Senioren sich auffallend schwer taten und mit den Jüngeren nicht Schritt halten konnten.

„Die Streuung in der kognitiven Leistungsfähigkeit bei den über 60-Jährigen und erst recht bei den über 80-Jährigen ist enorm“, sagt Rast. Für ihn ist das sogar die wichtigste Erkenntnis der vergangenen Jahre. Auf die Frage nach dem Warum gibt es bisher nur Anhaltspunkte. So beeinflusst der Lebensstil den mentalen Alterungsprozess maßgeblich. Wer reichlich Sport treibt, gesund und ausgewogen isst, nur moderat Alkohol trinkt, hat im dritten Lebensabschnitt einen fitteren Geist. (Drei Fronten gegen Demenz) Es ist möglich, dass die Gehirne infolge des unterschiedlichen Lebenswandels im Lauf der Zeit auseinanderdriften.

Trotz vieler offener Fragen sind sich die Forscher in einem Punkt einig: „Use it or lose it.“ – Das gilt für das Gehirn wie für kein anderes Organ. Rentner, die auf dem Sofa sitzen und ihren Geist erlahmen lassen, schaden ihrer mentalen Verfassung. May glaubt sogar: „Chaplin ist nie tatterig geworden, weil er bis ans Lebensende kreativ und offen für Neues war.“

Kommentare
Michael Hackh

Auch wenn ich mich manchmal diesbezüglich nicht mehr reden hören kann, so muß ich jetzt doch wiedermal einen Kommentar zur Demenz und zur Linkshändigkeit loswerden. Ich, bald 60 Jahre alt, schule mich, --so nennt man das leider nunmal, seit gut 4 Jahren zurück. D.h. ich schreibe mittlerweile flüssig und stilvoll mit meiner von Kindesbeinen an dominanten Hand, wohingegen ich als Kind mit Rechts schreiben lernen mußte. Immer wieder, täglich kommt es dabei in meinem Alter zu demenzartigen Erinnerungslücken allmählich mit abnehmender Tendenz. Mir wurde in dieser Zeit klar, dass nur die umgeschulte Händigkeit die Ursache der Demenz sein kann. Von den Auswirkungen auf den Gesamtorganismus, Immunsystem, vegetatives Nervensystem usw., will ich ich hier und jetzt mal gar nicht reden. Daher postuiere ich hier nochmal, wie schon so oft: Ca. 50% aller Menschen sind gebürtige Linkshänder, nur der Großteil weiß es nicht!

Gruß an alle Linkshänder, auch an die, die es von sich selbst nicht wissen...den originären Rechtshändern ist das Themas sowieso leider gleichgültig

Michael

03.05.2013 07:47 Uhr
Infos zum Beitrag
Datum:
01.05.2013
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Claudia Völcker-Rehage
Dieser Inhalt ist unter folgenden Nutzungsbedingungen verfügbar.
Vervielfältigung, Verbreitung und Abwandlung bzw. Bearbeitung mit Pflicht zur Namensnennung unter Ausschluss der kommerziellen Nutzung und ohne die Bedingung der Weitergabe zu den gleichen Lizenzkonditionen. Vervielfältigung, Verbreitung und Abwandlung bzw. Bearbeitung mit Pflicht zur Namensnennung unter Ausschluss der kommerziellen Nutzung und ohne die Bedingung der Weitergabe zu den gleichen Lizenzkonditionen. Vervielfältigung, Verbreitung und Abwandlung bzw. Bearbeitung mit Pflicht zur Namensnennung unter Ausschluss der kommerziellen Nutzung und ohne die Bedingung der Weitergabe zu den gleichen Lizenzkonditionen.
Fördern Sie guten Journalismus!

Top
Für die geistige Fitness empfehlen sich Spaziergänge, Mittelmeerkost und guter Lesestoff.
Das Gehirn baut ab, je älter wir werden, heißt es. Doch neuere Forschung hellt das Bild auf.
Bei alten Menschen können Leiden auftreten, die mit Kriegstraumata in der Jugend zusammenhängen.
Das Gehirn baut ab, je älter wir werden, heißt es. Doch neuere Forschung hellt das Bild auf.
Das könnte Sie auch interessieren!
Für die geistige Fitness empfehlen sich Spaziergänge, Mittelmeerkost und guter Lesestoff.
Schadet Lernen dem Gehirn? Sind Schimpansen fähig zu Übersinnlichem? Sind Zebrafische beschränkt?
Der Hirnscanner wundert sich über die Fantasie der Medien.
Welche Rolle Gerüche und Geschmäcke an jedem Tag in unserem Leben spielen.
My Brain