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Doping fürs Gedächtnis

Immer wieder wird die Vision einer Tablette heraufbeschworen, die das Gedächtnis verbessert. Aber wie weit ist die Forschung wirklich? Und sollten wir so eine Pille überhaupt nehmen? In der Forschung gibt es unterschiedliche Meinungen.

Nennen wir ihn Christian. In wenigen Tagen schreibt Christian eine wichtige Klausur und vor ihm auf dem Tisch liegt das Lehrbuch: achthundert Seiten Fachwissen. In seiner Hand hält er eine kleine rote Pille. Diese Pille, weiß er, wird ihm helfen, denn sie wirkt in seinem Gehirn und steigert sein Erinnerungsvermögen, lässt ihn in kürzerer Zeit mehr lernen und davon mehr behalten. Christian wirft die Pille in den Mund, schluckt – und das Lernen kann beginnen.

Szenarien wie diese klingen nach Zukunftsmusik. Doch einige Wissenschaftler behaupten, dass es schon bald Medikamente oder Behandlungen geben könnte, die das Gedächtnis künstlich verbessern. Der amerikanische Gedächtnisforscher und Nobelpreisträger Eric Kandel etwa ist überzeugt, dass die „kleine rote Pille“, wie er sie nennt, irgendwann im Handel sein wird. Um die entsprechende Wirksubstanz für diese Pille zu finden, hat er 2004 die Firma „Memory“ gegründet. Und es gibt andere Firmen mit demselben Ziel: Cortex, Helicon, Dart. Sie alle sind auf der Suche nach dem „Viagra fürs Gehirn“, wie Zeitschriften gern titeln: Dem Wirkstoff, der uns hilft, schneller zu lernen und Gelerntes besser in Erinnerung zu behalten.

Im Labor scheint der Trick bereits zu funktionieren: Zahlreiche genetisch veränderte Mäuse haben Forscher inzwischen kreiert, die Studien zufolge Informationen besser aufnehmen und länger abspeichern als normale Tiere. Auch erste Erfolge mit pharmakologischen Substanzen konnten einzelne Forschergruppen bereits erzielen – so wie Tim Tully von der Firma Helicon, der Mäuse schneller lernen ließ, indem er ihnen einen CREB-Verstärker verabreichte. Das Eiweiß spielt eine wichtige Rolle bei der Erinnerungsformierung. Tilly und andere Wissenschaftler hoffen, dass sich solche Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung in marktreife Medikamente übersetzen lassen.

Gedächtnisverbesserung als Milliardengeschäft

Eine solche Gedächtnis-Pille wäre vermutlich ein Milliardengeschäft. Schon jetzt leben in Deutschland nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit 1,1 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen, etwa die Hälfte von ihnen leidet an Alzheimer. Mediziner gehen davon aus, dass sich die Zahl in den nächsten Jahren verdoppeln wird. Eine „Gedächtnispille“ könnte diesen Menschen unter Umständen helfen, ein normales Leben zu führen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Forschergruppen auf der ganzen Welt suchen nach Wirkstoffen oder Behandlungsmethoden, die das Gedächtnis verbessern und so zum Beispiel Menschen mit Demenzerkrankungen helfen könnten.
  • Neben pharmakologischen Wirkstoffen wird auch die Aktivierung von Hirnarealen mittels transkranieller Magnetstimulation getestet.
  • Ob auch Gesunde in Zukunft zu Gedächtnis-Doping greifen dürfen, ist umstritten. Experten glauben, dass es zumindest rechtlich legitim sei.

Doch auch für Gesunde wäre das Doping des Gedächtnisses verlockend. Eine bessere Gedächtnisleistung könnte zu mehr Erfolg in Schule, Studium und Beruf führen und so den Status in der Gesellschaft positiv beeinflussen. „Neurodoping“ oder „Neuroenhancement“ nennen Ethiker den Wunsch, Medikamente, die eigentlich für Kranke gedacht sind, zur Verbesserung der Fähigkeiten Gesunder zu benutzen – und streiten darüber, ob dies verwerflich ist oder nicht. Dabei ist noch gar nicht geklärt, ob ein Wirkstoff, der Kranken hilft, auch bei Gesunden einen positiven Effekt haben würde.

Eine Diskussion zum Thema ist jedoch an der Zeit: Der Eingriff ins Gehirn, ob mit Pille oder Skalpell ist längst zum Alltag geworden. 200.000 Menschen leben weltweit mit einem Cochlea-Implantat, einem kleinen Gerät, das Schallwellen über ein Mikrofon aufnimmt, dann als elektronisches Stimulationsmuster an den Hörnerv überträgt und so ehemals taube Menschen wieder hören lässt. Millionen nehmen Medikamente, um ihre Stimmung aufzuhellen oder Psychosen zu unterdrücken. Was spricht dagegen, Ähnliches auch mit dem Gedächtnis zu versuchen? Grundsätzlich nichts, meinen viele Wissenschaftler – und forschen intensiv an Möglichkeiten, die Gedächtnisleistung zu verbessern.

Medikamente und Techniken im Test

In der Pipeline befinden sich etwa Ampakine, Wirkstoffe, die an so genannten AMPA-Rezeptoren im Gehirn die Antwort durch den Botenstoff Glutamat verstärken. So sollen sie helfen, Informationen im Langzeitgedächtnis abzuspeichern. Andere Substanzen sollen ein Eiweiß namens Phosphodiesterase (PDE) hemmen. Die PDE baut normalerweise das Molekül zyklisches Adenosinmonophosphat (cAMP) ab. Bleibt cAMP länger erhalten, so bleibt auch das Eiweiß CREB länger aktiv – und Erinnerungen können möglicherweise besser gespeichert werden.

Auch technische Methoden zur Gedächtnisverbesserung werden erforscht. Zum Beispiel am Studenten Nils. In einem kleinen Raum an der Freien Universität Berlin sitzt er auf einem Liegestuhl. Neben ihm steht die Psychologin Anne Weigand und hält einen handtellergroßen Apparat an seinen Kopf. In dem Gerät befindet sich eine Spule, die ein Magnetfeld erzeugt. Wird die Spule an die Schädeldecke gehalten, löst das Magnetfeld eine Veränderung der elektrischen Potenziale in den Nervenzellen der Hirnrinde aus – und bewirkt so, dass die Neuronen feuern. Transkranielle Magnetstimulation nennt sich das Verfahren, kurz: TMS. Mit seiner Hilfe können Wissenschaftler gezielt bestimmte Hirnareale aktivieren oder hemmen. Die Forscher der Freien Universität Berlin hoffen, mit ihr auch das Gedächtnis stimulieren zu können. Erste Studien anderer Forscher auf dem Gebiet gibt es bereits, ein einwandfreier Beweis zur Wirksamkeit der Methode ist aber noch nicht erbracht.

„Eine verbesserte Leistung an bestimmten Stellen im Gehirn muss aber nicht dazu führen, dass die Gedächtnisleistung wirklich besser wird“, warnt Hans Förstl vom Klinikum rechts der Isar in München. Unsere Vorstellungen davon, was durch Veränderungen im Gehirn erreichbar wäre, seien überspannt, sagt der Psychiater. „Man liest immer mal wieder, auch von Kandel, dass da etwas kommt, aber da kommt nie etwas.“

Doch selbst wenn die künstliche Verbesserung des Gedächtnisses in den kommenden Jahren möglich werden sollte, heißt das nicht automatisch, dass davon auch Gesunde profitieren würden. „Etwas, das bei Patienten mit anderen neurochemischen Verhältnissen wirkt, muss deshalb bei Gesunden noch lange nicht wirken“, sagt Förstl.

Experten halten Hirndoping für ethisch legitim

Und selbst wenn: Dürften gesunde Menschen ihr Gedächtnis dann so unterstützen? Viele Experten glauben: Ja. „Die bloße Tatsache, dass mentales Enhancement für Individuen, die sich ihm unterziehen, mit physischen oder psychischen Risiken verbunden sein kann, rechtfertigt es unseres Erachtens nicht, solche Maßnahmen prinzipiell ethisch zu verwerfen oder gar rechtlich zu verbieten“, heißt es in einer Studie der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen. „Wenn jemand so ein Mittel nehmen will“, sagt Reinhard Merkel, Koautor der Studie, „dann darf er das.“ Der Professor für Strafrecht an der Uni Hamburg sieht in Deutschland eine „prinzipielle Furchtsamkeit“, in der jeder „immer gleich mit dem Strafrecht kommt“. Aber: „Was jemand mit sich selber macht, kümmert das Recht nicht.“

Kritiker hingegen befürchten, dass sich im Laufe der Zeit ein gesellschaftlicher Druck entwickeln könnte, zur Leistung steigernden Pille zu greifen – aus Angst, in der Schule oder im Beruf vom gedopten Konkurrenten abgehängt zu werden. Auch Warnungen vor einer neuen Zwei-Klassen-Gesellschaft werden laut, weil sich ein Graben auftun könnte zwischen jenen, die sich die Gedächtnis-Pillen leisten können, und jenen, die keinen Zugang zu ihnen haben.

Nebenwirkungen sind noch unklar

Viele Forscher jedoch sehen das Thema pragmatisch. So hat sich etwa Isabella Heuser, Direktorin des Berliner Universitätsklinikums Charité, in einem Memorandum für einen offenen Umgang mit einer Leistungssteigerung des menschlichen Gehirns ausgesprochen. „Wenn das nebenwirkungsfrei passieren kann, warum sollte man es dann nicht nutzen?“

Genau beim Thema Nebenwirkungen sieht der Kritiker Hans Förstl vom Klinikum rechts der Isar in München aber den Knackpunkt: „Ich denke, dass wir limitierte Ressourcen haben und unsere Kräfte mit Geschick in einem strengen Rahmen umverteilen können. Ich glaube aber auch, dass der gesunde Mensch seine Leistungen nicht ohne weiteres steigern kann, ohne einen Preis zu zahlen.“ Ein möglicher Preis sei unser Verständnis für das, was andere Menschen denken und fühlen. „Dieses soziale Empfinden ist es, wofür wir unseren Geist vor allem gebrauchen“, sagt Förstl. Er befürchtet, dass ein mehr an Gedächtnis ein weniger an Empathie bedeuten könnte.

Und Thorsten Galert von der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen sieht eine weitere Gefahr: „Das ganze Berufsethos des Mediziners, Krankheiten zu beseitigen oder ihnen vorzubeugen, wird durch das Enhancement in Frage gestellt“, sagt er und beschwört die Möglichkeit eines spezialisierten Berufsstandes von Enhancement-Technikern, Schönheitschirurgen fürs Gehirn, die gegen Geld nicht Eitelkeit, sondern Arroganz verdienen: Arroganz und den Wunsch nach einem guten Gedächtnis.

Kommentare
Arvid Leyh

Die Neuroenhancer haben in den Staaten mit Michael Gazzaniga einen prominenten Fürsprecher.

Aber die ethische Diskussion ist nicht ganz trivial, wie mir der Philosoph Stefan Schleim mal dargelegt hat: die Pillen kosten Geld, und wer sie sich nicht leisten kann, fällt womöglich durch das Raster von erwarteter Leistung.

Auf andere Art sehen wir das bereits in den USA: wenn Du schlechte Laune hast, lass mich in Ruhe und nimm eine Pille. Wie Kai ganz richtig sagt: es ist ein Milliardengeschäft.
13.09.2011 16:21 Uhr
Martin Tik

Ich denke, solange eine Gesellschaft Menschen anhand ihrer Leistung wertet, werden Mittel gefunden werden um immer besser, schneller - effizienter zu arbeiten. Existiert nicht schon in gewissen Kreisen, die es sich leisten können ein Neuroenhancer namens "Kokain"?
Noch wichtiger als die Frage "Will ich, dass Menschen solche Substanzen konsumieren" ist die Frage "Was geschieht, wenn ich diese Substanzen verbiete?"
14.09.2011 22:04 Uhr
Michael Knoll

Mich erinnert dieser Artikel an die Radfahrer-Szene. Da dopen auch alle, weil sie sonst mit ihren gedopten Kollegen nicht mithalten können. Folge: Ein moralisch versauter Sport ohne Zukunft. Eigentlich möchte ich nicht in einer Welt leben, die von Jan Ulrichs und Lance Armstrongs geprägt wird. Da verlasse ich mich lieber auf die natürliche Leistung meines Gehirns.
15.09.2011 11:08 Uhr
Dr. Carsten Diener

Kai Kupferschmidt beschreibt in seinem Artikel „Doping fürs Gedächtnis“ das breite Spektrum der gegenwärtigen Debatte um die wissenschaftlichen, ethischen und wirtschaftlichen Aspekte der Vision eines „Neuro-Enhancements“. Wenngleich empirisch belastbare Belege über (langfristige) Effekte v.a. pharmakologischer Maßnahmen in diesem Bereich beim Menschen noch ausstehen, ist eine frühzeitige Diskussion über dieses Thema angezeigt. Dabei sollten jedoch nicht alle denkbaren Interventionsmaßnahmen im gleichen Atemzug genannt werden. Dies gilt insbesondere für die Transkranielle Magnetstimulation (TMS), einem nicht-invasiven Stimulationsverfahren, das in der neurowissenschaftlichen Grundlagenforschung und in Therapiestudien zur Behandlung etwa schwerer Depressionen und bei Schmerzpatienten eingesetzt wird. TMS wird von Experten durchgeführt, die nach internationalen Sicherheitsstandards arbeiten, um so eine missbräuchliche Anwendung auszuschließen. TMS kann also nicht einfach „verschrieben“ oder sonst wie erworben werden und wie eine Pille zuhause eingenommen werden. Dies nur zur Einordnung dieser speziellen Methode, wobei die Reihe dann auch durch moderne Neurofeedbackverfahren fortgesetzt werden könnte. Dabei wird aber auch deutlich, dass neben den vielfältigen ethischen Aspekten, Sicherheits- und Wirksamkeitsstandards bei der Frage nach dem „Neuro-Enhancement“ breit diskutiert und definiert werden müssen.
27.09.2011 13:11 Uhr
Julitta Rössler-Kruszona

Die beste Pille macht aus einem "normal" Intelligenten keinen Hochintelligenten, so wie ein Freizeitsportler sich nicht zum Hochleistungssportler dopen kann. Diese Medikamente verleiten dazu, andauernd natürliche Leistungsgrenzen zu überschreiten. Das ist gefährlich und fördert den Anstieg von Burn-Out-Erkrankungen durch Überengagement. Nicht der Mensch sollte sich den überzogenen Leistungsanforderungen der Gesellschaft anpassen, sondern die Anforderungen, insbesondere der Arbeitswelt, sollten auf ein menschenverträgliches und menschenwürdiges Maß angepasst werden. Dann können Wohlbefinden, Gesundheit und eine hohe Leistungskraft und -bereitschaft eine fruchtbare Symbiose eingehen.
17.10.2011 11:11 Uhr
My Brain
Infos zum Beitrag
Datum:
22.07.2011
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Tobias Bonhoeffer
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