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Erfolg – ein starker Motivator

Ob in Beruf, Sport oder Spiel - Erfolg treibt zu neuen Leistungen an. Verantwortlich sind Strukturen des mesolimbischen Systems, das auf Anreize mit der Ausschüttung von Dopamin reagiert und so Verhalten fördert, das Erfolg versprechend ist.

Copyright: Lane Oatey / blue jean images / Getty Images

Das Studium nähert sich seinem Ende, die Zeit der Prüfungsvorbereitungen und der Abschlussarbeit beginnt. Es ist eine anstrengende, entbehrungsreiche Phase, in der sich viele Studierende oft wochenlang einsam über Bücher und Computer beugen. Zeit für Treffen mit Freunden und einen Besuch im Kino bleibt meist nicht – oder besser: Man verbietet sie sich. Denn die Opfer haben ein großes, bedeutsames Ziel: Einen erfolgreichen Abschluss und damit der gelungene erste Schritt in die Berufswelt.

Motivation - die treibende Kraft, die den Menschen zu zielgerichtetem Verhalten veranlasst - kann viele verschiedene Intentionen haben: Oft geht es um das Befriedigen grundlegender Bedürfnisse, etwa von Hunger oder Durst, oder lebenswichtige Entscheidungen wie Kampf oder Flucht angesichts einer Gefahr. In der modernen Gesellschaft jedoch sind diese entwicklungsgeschichtlich alten, dem nackten Überleben dienenden Motivatoren eher sekundär.

Dafür sind andere ins Spiel gekommen: „Man hat gelernt, dass gesellschaftliche Ziele wie gute Noten in der Schule oder Erfolg im Beruf gewünscht sind und man bei der Erreichung Lob oder Anerkennung erhält“, sagt der Psychologe Gerhard Stemmler von der Universität Marburg, der als Leiter einer DFG-geförderten Studie auch die neurobiologischen Hintergründe von Leistungsstreben erforscht hat. „Wenn man bestimmte Ziele anstrebt, hat man dabei meist eine positive Stimmung, man wird regelrecht vorangetrieben.“

Neurotransmitter schafft Vorfreude

Verantwortlich für diese positive, leistungsbereite Stimmung ist das mesolimbische System in unserem Gehirn, ein Schaltkreis, dessen Urspung im ventralen Tegmentum im vorderen Teil des Mittelhirns liegt. Die Neurone des ventralen Tegmentum innervieren das limbische System über den Nucleus accumbens, die Amygdala und den Hippocampus und strahlen bis in die Großhirnrinde aus. Sie schütten den Neurotransmitter Dopamin aus, der vermutlich die Anreizmotivation fördert und uns so zu immer neuen Leistungen anspornt – nach dem Motto: schneller, höher, weiter.

„Man streitet sich bis heute darum, was diese Botenstoffsysteme wirklich machen“, sagt Gerhard Stemmler. Früher, so der Psychologe, hätte man gedacht, dass Dopamin das mit Glücksgefühlen einhergehende Erfolgserlebnis nach Erreichen eines Ziels bewirke. „Das ist abgelöst worden durch eine vorsichtigere, konditionale Fassung, wonach durch Dopamin vor allen Dingen die Anreizmotivation befördert wird, die eine Handlungserleichterung zur Folge hat“, so Stemmler. Andere Forscher sehen Dopamin wiederum als ein Lernsignal für relevante Umgebungsreize.

Das Dopamin ist also, anders als die Hirnforschung lange vermutete, nicht dafür verantwortlich, dass wir uns freuen, wenn die Prüfung bestanden ist – dafür sorgen höchstwahrscheinlich körpereigene Opioide, die Endorphine, und andere Botenstoffe wie etwa Oxytocin. Sondern vielmehr für die Vorfreude, die man empfindet, wenn man sich vorstellt, die gute Abschlussnote in der Hand zu halten – und die einen auch bei der Stange hält, wenn der Weg zu diesem Ziel beschwerlich oder von Misserfolgen gepflastert ist. Wenn das Ziel dann erreicht ist, spielt die Dopaminausschüttung wieder eine untergeordnete Rolle, und auch die Opioide, die für den Erfolg mit einem Glücksgefühl belohnen, halten nicht lange vor. Mit dem Resultat, dass die Freude auch schnell wieder abebbt. So wird wieder Platz geschaffen für neue Antriebe.

Das Wichtigste in Kürze

  • Etwas zu schaffen, ein Ziel zu erreichen, erfolgreich zu sein, ist eine wichtige Motivation für den Menschen, die heute stark von gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt wird.
  • Schon die Aussicht auf einen Erfolg aktiviert im Gehirn das Belohnungssystem und sorgt so dafür, dass dieses Ziel weiter verfolgt wird.
  • Wie motiviert man ist, hängt auch davon ab, ob eine Handlung Aussicht auf Erfolg hat. Dies wird im orbitofrontalen Cortex entschieden – in einem dynamischen Prozess unter Abwägung verschiedener Kriterien.
  • Auch Misserfolge können motivieren. Wichtig ist dabei aber die Gewissheit, das Ziel trotz des Rückschlags irgendwann erreichen zu können.

Aussicht auf Erfolg hilft lernen

Wer das Gefühl hat, sein Engagement würde sich lohnen, strengt sich mehr an und kann sich zudem neu gelernte Informationen besser merken.  In einer Studie bat die Neurowissenschaftlerin Alison Adcock, damals an der Universität Kalifornien tätig, zwölf Probanden, gegen eine finanzielle Belohnung unterschiedliche Gedächtnisaufgaben zu lösen, darunter das Einprägen von Bildern. Vor jedem Versuch wurde ihnen signalisiert, wie hoch der jeweilige zu gewinnende Geldbetrag ausfiele. Der schnöde Mammon schlug sich offenbar auf das Denkvermögen nieder. Denn am nächsten Tag konnten sich die Teilnehmer eher an solche Bilder erinnern, die fünf Dollar wert waren, als an solche, die nur zehn Cent abwarfen.

Die Ergebnisse der funktionellen Magnetresonanztomografie – ein Verfahren, das Hirnaktivitäten sichtbar macht, waren noch bezeichnender: Regten sich die Area ventralis tegmentalis und Nucleus accumbens während der Testphase, in welcher der jeweilige Geldwert angezeigt wurde, besonders stark, dann blieb auch das dazugehörige Bild später besser im Gedächtnis. Szenen von „billigen“ Bildern, die später vergessen wurden, hatten im Vorfeld jedoch nur eine geringe Aktivität des Belohnungszentrums bewirkt. In der Praxis scheint eine hohe Belohnung ebenfalls zum Lernen zu motivieren: Kinder, die ihren Wunschberuf klar vor Augen haben und auch wissen, welchen Abschluss sie dafür brauchen, investieren einer US-amerikanischen Studie zufolge mehr Zeit in Hausaufgaben und haben auch bessere Noten.

Ich will, was du nicht willst

Besonders intensiv untersucht wurden diese Mechanismen in Studien mit Ratten und Mäusen. „Ursprünglich kommt der Begriff des Belohnungssystems auch aus der Forschung mit Ratten“, sagt der Experimental-Psychologe Rainer Schwarting, der ebenfalls an der Universität Marburg forscht. Im Keller der Universität hat er ein Labor für verhaltenspsychologische Studien mit Mäusen und Ratten aufgebaut – in ganz Deutschland gibt es für das Fachgebiet Psychologie hiervon nur drei.

„Ein Organismus, der ein Ziel erreichen will, braucht Anzeichen dafür, dass dieser Weg auch erfolgreich sein wird“, sagt Schwarting. Erst solche Anreize motivieren uns, weiterzumachen. Das können Gerüche sein, wenn eine Ratte etwa auf der Suche nach Futter ist. Oder ein Geräusch: Wer eine Katze hat, der weiß, dass allein das Geräusch des Dosenöffners zur Futterzeit dafür sorgt, dass der Stubentiger aufgeregt um den Futternapf oder die Beine des Herrchens oder Frauchens herum schleicht. Für die richtige Einordnung dieser Reize sorgt wiederum das mesolimbische Dopaminsystem, das übrigens nicht nur bei Nagern und Menschen, sondern bei allen Säugetieren nachgewiesen wurde.

Wie abhängig die Motivation von diesen neuronalen Schaltkreisen ist, zeigen Tierversuche des Neuropsychologen John Salamone von der Universität in Connecticut. Er setzte Ratten immer wieder in ein Labyrinth, in dem in zwei verschiedenen Gängen Nahrung versteckt war: Einmal normales Futter und einmal eine besondere Leckerei. Wie erwartet suchten die Nager bald nur noch den Pfad zur Leckerei auf. Daraufhin erschwerte der Forscher den Weg dorthin, indem er Hindernisse aufbaute – und protokollierte, bei welcher Schwierigkeit sie aufgaben und lieber das schnöde Trockenfutter wählten. Blockierte Salamone nun aber mit Neurotoxinen gezielt das Dopaminsystem, zeigte sich, dass die Ratten wesentlich schneller abbrachen, sie also weniger motiviert waren. „Die Tiere können verrechnen, welche Arbeit aufgewendet werden muss, um einen gewissen Erfolg zu haben. Das ist ähnlich wie bei uns“, erklärt Rainer Schwarting.

Auf die richtige Karte setzen

Die Bewertung eines Erfolges oder der Aussicht darauf erfolgt vermutlich im orbitofrontalen Cortex, einem Areal im Frontallappen der Hirnrinde, das auch für die Wahl zwischen unterschiedlichen Handlungsentwürfen zuständig ist. Also dafür abzuwägen, ob es sich lohnt, auf eine bestimmte Karte zu setzen oder nicht.

Untersucht wurde dies unter anderem tatsächlich mit Karten - in dem Iowa Gambling Game, das der Neurowissenschaftler Antonio Damásio von der Universität Iowa entwickelte. Dabei können die Teilnehmer von vier Stapeln nacheinander Karten ziehen. Auf diesen Karten ist ein unterschiedlich hoher Geldbetrag ausgewiesen, manchmal jedoch auch ein Fehlbetrag. Ziel ist es, möglichst viel Geld einzuziehen. Dafür jedoch sind manche Stapel besser geeignet als andere, weil die darin enthaltenen Karten zwar niedrigere Gewinne abwerfen, aber auch seltener Verluste aufweisen.

Gesunde Probanden erkennen dies meist nach etwa vierzig Durchläufen und halten sich dann nur noch an die zwei weniger riskanten und somit Erfolg versprechenderen Kartenstapel. Schon vor dieser bewussten Entscheidung zeigen Messungen des Hautwiderstandes, dass die Spieler beim Ziehen von riskanten Stapeln gestresst sind. Bei einem Patienten jedoch, der eine Schädigung des orbitofrontalen Cortex aufwies, änderte sich der Hautwiderstand nicht – ebenso wenig übrigens wie sein Verhalten beim Kartenspiel. Der Patient erkannte zwar, dass zwei der Stapel riskant waren, zog aber daraus keinerlei Konsequenzen für sein Handeln. Damásio folgerte daraus, dass der orbitofrontale Cortex dabei hilft, verschiedene Handlungsalternativen zu bewerten und sich dann für eine zu entscheiden.

Motivation unterliegt Schwankungen

Ruft also die beste Freundin an, um zu ihrer Geburtstagsfeier einzuladen, während gleichzeitig die Abschlussprüfung bedrohlich näher rückt, klärt dieses Hirnareal, welche Option lohnender ist. Dabei wird je nach Sachlage neu entschieden: Ist die Freundin sauer, weil man zugunsten der Prüfungsvorbereitung ihrer Geburtstagsparty abgesagt hat, rückt das Fest im Stellenwert möglicherweise wieder ein großes Stück nach oben. Und ist einem Kind nach dem Verzehr von allzu vielen Süßigkeiten bereits schlecht, wird es auch den Schokoladenkuchen dankend ablehnen.

Denn nicht nur Erfolge motivieren. Auch die Angst vor Gefahr oder negativen Erfahrungen kann antreiben. Sogar Misserfolge können zur Motivation beitragen. „Motivationsprozesse verlaufen nicht immer direkt, sondern fluktuieren als Prozesse der Annäherung“, sagt Gerhard Stemmler: „Entfernt man sich vom Ziel, so motiviert das umso stärker – jedoch nur, wenn ich das Gefühl habe, das Ziel auch irgendwann erreichen zu können.“ Ist das nicht der Fall, so der Forscher von der Universität Marburg, geben Menschen ihre Ziele auf und die Motivation bricht zusammen.“

Wie schnell man in einem solchen Fall die Flinte ins Korn wirft, wird auch von der Persönlichkeit bestimmt. Gerhard Stemmler ließ Probanden in einer Studie Knobelaufgaben rechnen, die nicht zu lösen waren, und forderte sie zudem auf, laut kundzutun, wenn sie zu dem Schluss kamen, eine Aufgabe in der vorgegebenen Zeit nicht zu bewältigen. Selbstsichere Versuchsteilnehmer reagierten vor allem verärgert und mit Aussagen wie „Das ist zu schwer, kann man doch gar nicht schaffen.“ Was ja auch stimmte. Eher ängstliche Charaktere schlossen diese Möglichkeit aber offenbar aus. Stattdessen suchten sie in erster Linie die Schuld bei sich – und gaben schneller auf.

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Infos zum Beitrag
Datum:
15.08.2011
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Rainer Spanagel
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