Die Corpora mammillaria
Die Bezeichnung „Brustkörperchen“ verdeutlicht einmal mehr die bildhafte Vorstellung der frühen Anatomen. Funktionell handelt es sich um Umschaltstationen, deren Bedeutung sich beim Ausfall erschließt. Zum Beispiel nach Alkoholmissbrauch.
Wer je die Corpora mammillaria, die Brustkörper des Gehirns sah, der weiß, warum sie so heißen. Sie liegen an der Basis des Gehirns, des Zwischenhirns, um genau zu sein. Allerdings werden sie nicht, wie sich das für Brüste eigentlich gehörte, von Achselhöhlen und Schultern flankiert. Nein, die Strukturen, die rechts und links an sie grenzen, werden als Hirnschenkel, als Crura cerebri bezeichnet. Wohlgerundete Brüste - aber zwischen den Schenkeln. Weiteres Manko: Die Brustwarzen fehlen.
Das Wichtigste in Kürze
Die Corpora mammillaria sind eine Schaltstation im Papez-Kreis des limbischen Systems und sehen aus, wie sie heißen. Sie sind anfällig für den äthyltoxischen Insult, was zu schweren Ausfällen bei der Bildung des Neugedächtnisses führen kann.
Anatomisch betrachtet gehören die Corpora mammillaria zum Zwischenhirn, und dort zum Hypothalamus, dessen hinteren Abschnitt sie bilden. Funktionell sind sie ein Bestandteil des limbischen Systems, das zahlreiche Strukturen des Zwischen- und Endhirns umfasst.
Verbindungen und Funktionen
Die Corpora mammillaria sind - nach dem relativ Wenigen, das wir über sie wissen - kaum mehr als Umschaltstationen, in denen fast keine Informationsverarbeitung stattfindet. Die meisten Axone, die in den Corpora mammillaria enden, stammen via Fornix aus dem Hippocampus, genauer: von dessen Subiculum. Die Neurone der Corpora mammillaria schicken ihre Axone zu den anterioren Thalamuskernen, die ihre zum Gyrus cinguli des Cortex, der seine zum entorhinalen Cortex und zur Hippocampusformation - so ergibt sich eine Schleife, die man als den "Papez-Kreis" des limbischen Systems bezeichnet. Dieser Neuronenkreis spielt eine maßgebliche Rolle bei der Speicherung neuer Gedächtnisinhalte. Daneben gibt es noch eine funktionell kaum verstandene Verbindung der Corpora mammillaria zu Kernen des Tegmentums, des Mittelhirns also.
Wie gesagt, die Funktion des Papez-Kreises ist bekannt, und wenn dieser Kreis unterbrochen wird, treten massive Gedächtnisstörungen auf – Inhalte werden nur noch für wenige Minuten behalten, die Bildung eines Neugedächtnisses ist unmöglich, das Leben wird ein ewiges Jetzt. Leider sind Schädigungen der Corpora mammillaria gar nicht so selten. Sie sind nämlich, wie die Mediziner in ihrem unnachahmlichen Fachjargon sagen, "selektiv vulnerabel gegenüber dem äthyltoxischen Insult". Um dies so zu formulieren, dass es auch jeder versteht (vor allem die, die es betrifft): Man kann sie sich wegsaufen. Dabei ist es nur ein Detail, dass der Schuldige weniger der Alkohol selbst ist, sondern der bei Alkoholikern oft chronische Vitamin-B1-Mangel – er setzt den Nervenzellen der Corpora mammillaria zu.
Ihre Zerstörung kann noch andere Effekte haben: so genannte "Konfabulationen" – wirre, ausgedachte Geschichten, mit denen die Betroffenen vor sich und der Welt ihre Gedächtnislücken zu füllen versuchen. Allerdings ist den Betroffenen nicht bewusst, dass es sich um Konfabulationen handelt – jederzeit würden sie Stein und Bein auf die Korrektheit der eigenen Angaben schwören.


