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Die Sprache der Hände

Wer einmal versucht, bei einem Gespräch Arme und Hände nicht zu bewegen, merkt: Gesten und Sprache sind eng miteinander verbunden. Je nach Situation nutzen wir unterschiedliche Gestentypen – und manchmal sagen unsere Hände mehr als die Worte.

Copyright: David Buffington / Photodisc / Getty Images

Stellen Sie sich vor, sie sind in einer fremden Stadt und ein Ortskundiger erklärt Ihnen den Weg zum Bahnhof. Der Mann ist freundlich, er spricht von „da vorne rechts“ und „dann immer geradeaus“. Doch während er redet, bleibt sein Körper regungslos. Sie verstehen ihn akustisch, aber die ganze Situation kommt Ihnen merkwürdig vor. Irgendetwas fehlt: Genau, die Gestik!

Wer einmal versucht, sich mit jemandem über längere Zeit zu unterhalten, ohne dabei Arme und Hände zu bewegen, wird schnell merken, wie schwer und ungewohnt das ist. Denn Gesten schleichen sich automatisch in unsere Kommunikation ein und verleihen den gesprochenen Worten ganz nebenbei eine besondere Bedeutung.

Obwohl unsere Gestik sehr vielfältig ist, wurde sie in der Forschung erstaunlich lange nur als bloßes Beiwerk der Sprache wahrgenommen. “Viele Linguisten und Psychologen haben lange ausgeblendet, dass Gesten viel mehr leisten, als bestimmte Gefühle auszudrücken”, meint die Gestenforscherin Cornelia Müller vom Institut für Angewandte Sprachwissenschaften der Europa Universität Frankfurt (Oder). Erst in den 1990er Jahren änderte sich dies. Damals postulierte der US-amerikanische Psychologe David McNeill, ein Pionier der Gestenforschung, die Idee, dass Gesten im Grunde Gedanken seien, die in Bewegung übertragen wurden. Betrachte man die Gesten eines anderen, könne man ihm darum quasi beim Denken zusehen. Inzwischen bestätigen zahlreiche Forschungsstudien diese These: Die stumme Körpersprache hat mehr Aussagekraft, als man denken mag.

Sprachbegleitende und sprachersetzende Gesten

Ob bei der Beschreibung eines Weges oder der Darstellung eines Erlebnisses: Gesten begleiten unsere Kommunikation praktisch permanent. Sie heben Bedeutsames hervor, transportieren Gefühle oder machen Abstraktes nachvollziehbar. So vielfältig wie ihre Funktionen sind auch die Formen unserer Gesten: Oft unterstreichen oder betonen die nonverbalen Zeichen unsere Worte – so wie ein Faustschlag auf den Tisch einem Argument mehr Kraft verleiht, es sozusagen festklopft. Solche Gesten sind redebegleitend.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gesten sind ein Teil der nonverbalen Kommunikation.
  • Das Ausführen symbolischer oder pantomimischer Gesten wird in denselben Gehirnarealen verarbeitet wie gesprochene Sprache.
  • Da Gestikulieren eng mit der Sprachentwicklung zusammenhängt, kann sie diese positiv beeinflussen – ebenso wie auch die Fähigkeit zu abstraktem Denken.

Gibt es eine Grammatik der Gesten?

Stellen Menschen einen Sachverhalt pantomimisch dar, nutzen sie dafür immer dieselbe grammatische Reihenfolge – egal welchem Sprachkreis sie angehören. Dies ermittelte die Psychologin Susan Goldin-Meadow von der University of Chicago in einer Studie aus dem Jahr 2008. Sie ließ je zehn englische, spanische, chinesische und türkische Probanden Filmszenen mit Händen und Füßen nachstellen, so etwa einen Mann, der ein Baby hochhebt, oder ein Mädchen, das eine Box mit einem Deckel verschließt. Dabei stellte Goldin-Meadow fest, dass die Teilnehmer immer zuerst das Subjekt, dann das Objekt und anschließend das Verb beschrieben, also beispielsweise „Mann“, „Baby“ und „hochheben“ – und das obwohl bis auf die Türken alle Teilnehmer aus ihren Muttersprachen die Reihenfolge Subjekt – Verb – Objekt kannten.

Goldin-Meadow schließt daraus, dass es so etwas wie eine natürliche Grammatik der Gesten geben könnte: Demnach würden wir immer zuerst den Handelnden, dann das Objekt der Handlung und am Schluss die Tat selbst zeigen.

McNeill hat diese Form der Gesten in den 1990er Jahren in vier Basistypen unterteilt. Er unterscheidet zwischen deiktischen, ikonischen und metaphorischen Gesten sowie den so genannten „Beats.“ Letztere kann man als eine Art Taktstock-Gesten verstehen: Während einer Rede werden die zentralen Worte von Armschlägen oder Klopfbewegungen unterstrichen und erlangen so eine besondere Bedeutung.

Die deiktischen, also zeigenden Gesten, werden schon von Kleinkindern genutzt. Sie verweisen auf Orte oder Dinge, aber auch auf Personen oder den Sprecher selbst. Ikonische Gesten hingegen beziehen sich auf bildhafte Vorstellungen, etwa wenn man die Form einer Statue beschreibt, und die Hände dabei den Sockel formen oder man von einem Boxkampf erzählt und die Fäuste währenddessen die zentralen Schläge nachahmen. Ähnlich funktionieren die metaphorischen Gesten – sie beziehen sich allerdings eher auf abstrakte Begriffe. So kann ein Redner etwa die Worte: „Dieses Thema lassen wir jetzt erst einmal beiseite“, mit einer Geste verdeutlichen, in der eine Hand ein imaginäres Ding fortschiebt.

Es gibt aber auch symbolische Gesten, die für sich sprechen – die so genannten sprachersetzenden Gesten: So verstehen wir ohne Probleme den erhobenen Zeigefinger, der nach links und rechts ausschlägt, als klares “Nein” oder die offene Handfläche am ausgestreckten Arm als Signal: “Stopp!”

Gesten sind angeboren oder kulturell erlernt

Solche sprachersetzenden Gesten werden in der Regel gelernt wie eine Sprache und können sich daher auch kulturell unterscheiden. So begrüßt man sich in afrikanischen Ländern vielerorts mit einem Händeklatschen oder Schnalzen der Finger, während in Deutschland unter Unbekannten meist die Hände geschüttelt werden.

Im Gegensatz zu solchen bewusst gewählten, sprachersetzenden Gesten gibt es aber auch spontane Hand- und Armbewegungen, die anscheinend angeboren sind. So reißen Sportler ohne lange nachzudenken ihre Arme in die Höhe, wenn sie einen Wettkampf gewonnen haben. Wie Jessica Tracy und David Matsumoto von der University of British Columbia beobachteten, verleihen selbst blinde Judokas ihrem Stolz nach dem Gewinn eines Wettkampfs durch diese markante Geste Ausdruck. Umgekehrt sackten bei der Untersuchung alle nach einer Niederlage enttäuscht zusammen. “Da Blinde sich diese Zeichen zum Ausdruck von Stolz oder Scham nicht von andern abgeguckt haben können, beruhen sie vermutlich auf inneren Mechanismen”, seien also angeboren, schließt die Psychologin Jessica Tracy aus ihren Beobachtungen.

Allerdings beobachteten die Psychologen auch einen Unterschied im Verhalten der Judokas. Demzufolge zeigten asiatische Sportler ihre Schamgefühle offener als ihre westlichen Kollegen. Die Forscher vermuten, dass Europäer und US-Amerikaner den Ausdruck von Scham eher vermeiden, weil das Gefühl in ihren individualistischen Gesellschaften negativ gedeutet wird und man sich lieber keine Blöße geben möchte.

Unzertrennlich: Gesten und Sprache

Die verschiedenen Gestentypen zeigen: Sprache und Gestik sind eng miteinander verflochten. Das zeigt sich auch im Gehirn, wie ein Forscherteam um den US-amerikanischen Neurowissenschaftler Allan Braun bei einer Studie aus dem Jahr 2009 entdeckte: Zwanzig Teilnehmer sahen ein Video mit pantomimischen Gesten wie etwa das Öffnen einer Flasche oder hörten den passenden lautsprachlichen Ausdruck dazu. Währenddessen wurde ihr Gehirn in einem Magnetresonanztomographen gescannt. Dabei zeigte sich im Gehirn eine erhöhte Aktivität vor allem in einem als Sprachzentrum bekannten Areal. Dieses umfasst den inferioren sowie den posterioren temporalen Cortex, welche einen markanten Spalt, die Fissura Sylvii umgeben. In diesem Bereich befinden sich auch das Broca- und das Wernicke-Areal, die für die Verarbeitung grammatischer und syntaktischer Information bekannt sind.

“Unsere Ergebnisse passen zu einer lange bestehenden Theorie, die sagt, dass die gemeinsamen Vorfahren aller Menschen und Affen durch bedeutungsvolle Gesten kommunizierten”, erklärt Allan Braun vom National Institute of Deafness and Other Communication Disorders. Mit der Zeit hätten sich diese Gesten verarbeitenden Gehirnregionen so ausgebildet, dass sie heute auch bedeutungsvolle Laute verarbeiten könnten. “Wenn diese Theorie richtig ist, dann sind unsere Sprachareale tatsächlich die Überreste eines uralten Kommunikationssystems. Und dieses System verarbeitet auch weiterhin die Bedeutung von Gesten, daneben aber auch menschliche Sprache.”

Gesten und Sprache beeinflussen sich

In eine ähnliche Richtung weist auch eine Entdeckung des Linguisten Jan-Peter de Ruiter, der an der Universität Bielefeld lehrt. Er beobachtete, dass Menschen in einem Gespräch Gesten und Worte zeitlich aneinander anpassen. Wurde etwa eine lange anhaltende Zeigegeste ausgeführt, verzögerte sich das Sprechen etwas. Umgekehrt führte ein Versprecher oft dazu, dass eine zeitgleich ausgeführte Geste stoppte, bis die richtigen Worte gefunden waren. Die Sprache passte sich also der Gestik an, ebenso wie Gestik an Sprache.

Auch in der kindlichen Sprachentwicklung scheinen Gesten eine entscheidende Rolle zu spielen: So verfügen Kinder Untersuchungen von Susan Goldin-Meadow von der University of Chicago zufolge über einen größeren Wortschatz, wenn sie in den ersten Lebensmonaten oft Zeigegesten benutzt haben. Zudem gelinge das Verstehen von komplexen Zusammenhängen im Unterricht besser, wenn der Lehrer auch Gesten zur Erklärung verwendet.

Selbst wenn ein Großteil unserer Kommunikation durch die wörtliche Sprache geprägt ist, spielen Gesten dennoch eine entscheidende Rolle für das Verständnis. Auch unsere Hände sind also durchaus beredt und verdienen hin und wieder ein bisschen Aufmerksamkeit.

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My Brain
Infos zum Beitrag
Autor:
Leonie Seng
Datum:
15.08.2011
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Martin Lotze
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