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Auflösung
Theo W. aus Stuttgart, fragt:
Mal vergeht die Zeit wie im Fluge, mal langsam – warum?

Eine Minute beim Zahnarzt dauert mitunter furchtbar lang, ein Abend mit Freunden vergeht wie im Flug. Haben wir kein objektives Zeitgefühl?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Heiko Hecht, Abteilung für Allgemeine Experimentelle Psychologie, Universität Mainz: Bewusste Zeitwahrnehmung ist keine direkte Wahrnehmung von äußeren Gegebenheiten, so wie man mit den Augen einen grünen Vogel, mit den Ohren den Klang von Musik wahrnimmt. Ein einzelnes Organ für die Wahrnehmung der Zeit gibt es nicht. Vielmehr ist das Zeitgefühl ein individuelles Konstrukt aus der emotionalen Bewertung dessen, was gerade passiert– völlig unabhängig von der Zeit nach einer Uhr, die tatsächlich viel schneller oder langsamer vergehen kann.

Fünf Minuten Warten an der Bushaltestelle im Winter können als eine halbe Ewigkeit erscheinen, weil man die Kälte als quälend empfindet. Sitzt man später mit einem Freund im warmen Restaurant, vergehen drei oder vier Stunden im Nu. Momente, die von besonders positiven Emotionen erfüllt sind, scheinen zeitlich vorbei zufliegen. Umgekehrt werden negativ wahrgenommene Situationen, wie eine monotone Arbeit, eher als langwierig empfunden.

Die Zeitwahrnehmung geht auf einen komplexen nicht bewusstseinsfähigen Prozess zurück, in dem Vorlieben, Emotionen und Erregung maßgebend sind. Hier ist vor allem die Amygdala beteiligt. Das Gefühl für Zeit ergibt sich also aus der Intensität und persönlichen Beurteilung eines erlebten Moments. Ein anderer wesentlicher Teil besteht aus der Erinnerung. Rückblickend wird das Zeitempfinden interessanter Weise genau in das Gegenteil gekehrt: Intensive Erlebnisse, die im Moment zu rasen scheinen – wie zum Beispiel ein schöner Urlaub – erscheinen im Nachhinein wie ausgedehnt. Die Zeit ist dort viel intensiver genutzt worden. Diese Fülle an Erlebnissen und Emotionen dehnen wir im Nachhinein aus, weil wir liebend gern noch länger geblieben wären. Negative oder anstrengende Erfahrungen werden später dagegen als zeitlich verkürzt empfunden.

Das Empfinden von Zeitverläufen ist also auch eine Gedächtnisleistung – in Form einer positiven Verklärung der Vergangenheit. Würden wir den vergangenen Zeitraum, in dem uns Widrigkeiten widerfahren sind, rückblickend als ebenso lang empfinden, litten wir vermutlich viel mehr darunter. Ich vermute, dass keine Frau ein zweites Kind bekommen wollte, würde sie sich an die erste Geburt so zeitlich ausgedehnt und intensiv erinnern, wie es tatsächlich der Fall war. Das ist ein hervorragender Schutzmechanismus des Körpers, der die Motivation sichert, trotz unangenehmer Ereignisse weiterleben zu wollen.

Lange Zeit versuchte man, eine Uhr im Gehirn zu finden – beispielsweise durch Versuche in dunklen Felsenkellern, wo Personen ihren Tagesablauf selbst bestimmen konnten. Heute weiß man jedoch, dass sich viele biologische Prozesse, wie die Hormonproduktion in der Hypophyse, erstaunlich gut mit dem Sonnenrhythmus synchronisieren. Neuere Forschungen kommen außerdem zu dem Ergebnis, dass es nicht nur eine Uhr in Menschen gibt, sondern viele verschiedene Prozesse, bei denen eine präzise Zeitwahrnehmung mehr oder weniger wichtig ist. Meine Urlaubserinnerungen unterliegen ganz anderen Gesetzen als mein Zeitempfinden beim Fahrradfahren. Wenn ich mein Gewicht auf dem Fahrrad eine hundertstel Sekunde zu spät verlagere, falle ich hin – hier funktioniert die innere Uhr sehr gut. Im Urlaub hingegen kommt es gar nicht auf präzise Handlungen an, sondern auf eine gute Bewältigung der Vergangenheit und auf die Erinnerung daran, mit wem es sich lohnt, Zeit zu verbringen.

Aufgezeichnet von Leonie Seng

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