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Auflösung
benno, via Email, fragt:
Was passiert in unserem Kopf, wenn wir Schmerzen haben?

Wenn wir schlimme Schmerzen haben, dann dominieren sie unser gesamtes Denken. Wie genau funktioniert das in unserem Kopf?

Die Antwort der Redaktion lautet:

Thomas Weiß, Professor am Lehrstuhl für Biologische und Klinische Psychologie der Universität Jena: Nehmen wir an, wir piksen uns mit einer Nadel in den Finger. Auf die Verletzung reagieren Schmerzrezeptoren, indem sie elektrische Signale abgeben, die über das Rückenmark weitergeleitet werden. Im Gehirn startet sogleich ein Riesenkonzert an unterschiedlichen Aktivitäten. Der Schmerzeindruck wird analysiert: Wo genau kommt das Signal her, wie groß ist das betroffene Areal, wie intensiv ist der Reiz, wie lange hält er an. Diese Prüfung geschieht in erster Linie in zwei Bereichen der Großhirnrinde: im somato-sensorischen Cortex und im hinteren Bereich der Insel. Auf diese Weise verortet das Gehirn den Reiz, der von dem Nadelstich ausgeht. Außerdem nehmen wir den Reiz als unangenehm war, weil zeitgleich weitere Areale aktiviert werden, die für die emotionale Verarbeitung zuständig sind: der vordere Bereich der Insel sowie präfrontale Cortex-Bereiche. Eine zentrale Rolle spielt der anteriore cinguläre Cortex (ACC). Menschen, die dort eine Störung haben, nehmen Schmerzen zwar wahr, diese stören sie aber nicht.

Zudem kommt es zu weiteren Hirnaktivitäten: Der motorische Cortex wird tätig, damit wir die Flucht ergreifen oder eine Schonhaltung einnehmen können. Zudem wird die Aufmerksamkeit reguliert, wir unterbrechen etwa ein Gespräch, wenn wir das Nadelpiksen spüren. Das geschieht in mehreren frontalen und parietalen Bereichen des Cortex. Schmerzen können auch tiefe Emotionen wie Angst und Furcht auslösen, so kann auch die Amygdala einbezogen werden.

Was ich bisher beschrieben habe, ist der akute Schmerz, der dazu führt, dass wir unwillkürlich Situationen meiden, in denen wir uns verletzen könnten. Das ist also eine sehr sinnvolle Empfindung. Jeder Schmerz kann aber durch Wiederholung zu einem Schmerzgedächtnis führen, chronische Schmerzen entstehen. Dabei verändern sich die für die Schmerzwahrnehmung zuständigen Hirnareale. Das führt dazu, dass selbst kleine Reize als extrem unangenehm empfunden werden. Im Hirn passiert oft etwas Komisches: Bei vielen Patienten mit chronischen Schmerzen ist der schon erwähnte ACC deutlich verkleinert. Unsere Hypothese ist, dass sich das Gehirn dadurch vor der emotionalen Überlast der Schmerzen schützt. Das hat aber einen entscheidenden Nachteil: Der ACC moduliert auch das Schmerzempfinden, indem er etwa über körpereigene Opiate die Sensitivität verringert. Ist dieses Areal verkleinert, dann kann also die Schmerzempfindung nicht mehr so gut reduziert werden.

Die Verkleinerung des ACC ist aber nicht unumkehrbar: Nach einer erfolgreichen Therapie gegen die chronischen Schmerzen hat der Hirnbereich meist wieder die normale Größe. Sehr effektiv ist eine intensive, zwei- bis sechswöchige multimodale Behandlung, bei der neben Schmerzmedizinern auch klinische Psychologen, Psychiater, Physio- und Ergotherapeuten und weitere Ärzte eingebunden werden.

Chronische Schmerzen haben für Patienten oft gravierende psychologische Konsequenzen. Sie neigen dazu, Ereignisse schlimmer zu bewerten, als sie tatsächlich sind. Wir sprechen vom Katastrophisieren. Das ist ein Teufelskreis, denn Menschen, die schlecht drauf sind, empfinden viel leichter Schmerzen als gut gelaunte Menschen.

Wir haben hier an der Universität Jena dazu ein einfaches Experiment gemacht: Studenten mussten sich Adjektive merken, danach haben wir sie mit einem schmerzhaften Laserhitzeimpuls stimuliert und ihre Schmerzwahrnehmung gemessen. Waren es positive Adjektive wie „freundlich“, „nett“, „angenehm“, dann waren ihre Schmerzempfindungen niedriger als bei neutralen Adjektiven wie „neutral“ oder „lang“. Studenten dagegen, die sich negative Adjektive wie „mörderisch“, „störend“ oder „brennend“ merken mussten, reagierten deutlich empfindlicher auf die Reize.

Aufgezeichnet von Ragnar Vogt

Und das waren die Antworten der User
Linus M

Im Normalfall signalisieren Schmerzen die Zerstörung oder drohende Schädigung von Gewebe. Sie sorgen dafür, dass man sich dem schädigenden Reiz entzieht – im besten Fall geschieht das durch reflexhaftes Zurückziehen von z.B. der Hand, mit der man einen zu heißen Top anfassen wollte.
Manchmal ist es jedoch schwer, den Ursprungsreiz auszumachen: Im Falle von Bauchschmerzen besitzen wir keinen derartigen Schutzreflex. Trotzdem reagiert man auch hier auf den Schmerz, indem man etwa zur Wärmflasche greift.
Man könnte also sagen, dass der Schmerz die Empfindung ist, die mit Schutz- bzw. Vermeidungsverhalten korreliert.

Schmerz bestimmt unser Handeln maßgeblich. Was dabei im Gehirn genau geschieht ist wohl schwer zu sagen, jedoch dürfte nahe liegen, dass die Erregung, die durch Schmerzreize hervorgerufen wurde, eine relativ starke ist. Sie dominiert unser Denken und lässt uns damit in Verhaltensmuster verfallen, die erfahrungsgemäß den Schmerz beseitigen. Das kann von Pusten und Hausmitteln bis hin zur absoluten Ruhe oder der Einnahme von starken Schmerzmitteln gehen.
Zwar beseitigen letztere nicht den Schmerzreiz sondern nur den Schmerz als solchen und mögen damit nicht immer sinnvoll sein - der heiße Topf verbrennt einem schließlich auch dann die Finger, wenn man den Schmerz nicht wahrnimmt. Manchmal ist es jedoch wichtig, abgesehen von der Ursache auch spezifisch den Schmerz zu bekämpfen. Denn wie immer „lernen“ auch hier die Nervenzellen, auf bestimmte Reize zu reagieren. Häufig erregte Netzwerke werden „verstärkt“ und können damit zukünftig leichter erregt werden. Genau das ist wohl der Ursprung mancher chronischer Schmerzen: Wenn man ständig die gleichen Schmerzen hat, bedeutet das nichts anderes, als das ständig jene neuronalen Netzwerke aktiv sind, die für die Schmerzempfindung sorgen. Mit der Zeit werden diese Netzwerke konsolidiert und zukünftig selbst dann aktiv, wenn der eigentliche Schmerzreiz in der Form gar nicht vorhanden ist.
19.07.2012 19:02 Uhr
My Brain
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