Der Mann ohne Gedächtnis
Durch eine Operation verlor der Amerikaner Henry Molaison die Fähigkeit, neue Erinnerungen zu formen – und die Hirnforschung gewann ihren berühmtesten Patienten.
Der Tag, an dem Henry Gustav Molaison weltberühmt wurde, war der Tag, an dem er seinen Namen und seine Identität verlor. Am 1. September 1953, im Alter von 27 Jahren, wurde Molaison im Krankenhaus von Hartford in Connecticut betäubt. Dann bohrte der Neurochirurg Wilbur Beecher Scoville zwei Löcher in den Schädel seines Patienten und entfernte auf beiden Seiten des Gehirns ein Stück des Schläfenlappens.
Der Grund: Molaison litt, seit er ein Kind war, unter schwerer Epilepsie. Vielleicht war die Ursache ein Unfall, den Molaison im Alter von sieben Jahren hatte. Damals stieß er mit einem Fahrradfahrer zusammen und war einige Minuten bewusstlos. Vielleicht waren es aber auch die Gene. Immerhin war Epilepsie in der Familie von Molaisons Vater verbreitet.
Eine verhängnisvolle Operation
Was immer der Grund war, Medikamente halfen dem jungen Henry nicht. Stattdessen wurden die Anfälle schlimmer. Immer häufiger und heftiger trafen Henry die Attacken: Sein ganzer Körper krampfte dann, er biss sich auf die Zunge, verlor die Kontrolle über seine Blase und fiel schließlich in Ohnmacht. Als Molaison wegen der Anfälle nicht mehr arbeiten konnte, entschied er, sich am Gehirn operieren zu lassen. Der Chirurg Scoville hatte das schon bei anderen Patienten gemacht, aber das Vorgehen war, wie er selbst sagte, „experimentell“.
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- Der junge Henry Molaison unterzog sich einer Hirnoperation, um seine schwere Epilepsie zu lindern und erlitt schwere irreparable Gedächtnisverluste. Copyright: Suzanne Corkin
Als Scoville und die kanadische Psychologin Brenda Milner ihre Beobachtungen zu Molaison 1957 im Fachblatt „Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry“ veröffentlichten, wurde er zum „Fall H.M.“ – und zu einem der berühmtesten und wichtigsten Studienobjekte in der Geschichte der Psychologie. Die Arbeit ist in der Fachliteratur hundertfach zitiert worden und wird es heute noch. „Das ist wirklich ein Meilenstein gewesen“, sagt Hans Markowitsch, Neuropsychologe an der Universität Bielefeld.
Wo das Gedächtnis sitzt
Denn zu den weithin akzeptierten Vorstellungen des Gedächtnisses gehörte damals, dass es im Gehirn nicht einen einzelnen Ort gibt, an dem Erinnerungen abgelegt werden. Der amerikanische Forscher Karl Lashley hatte in den 30er und 40er Jahren auf der Suche nach dem Sitz der Erinnerungen Teile des Gehirns bei Ratten entfernt. Aber egal welches Stück Lashley den Ratten nahm, das Gedächtnis schien unversehrt. Er schloss daraus, dass Erinnerungen im Gehirn weit verteilt abgespeichert werden.
Die Erfahrung mit H.M. widersprach dieser Annahme. Schließlich waren die Stücke, die Scoville seinem Patienten entfernt hatte, verhältnismäßig klein, die Konsequenzen aber verheerend. Wie verheerend, das sollte sich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder zeigen. H.M. konnte sich an seine eigene Vergangenheit, an den Zweiten Weltkrieg, an das Haus seiner Eltern erinnern, aber er war in dieser Vergangenheit auch gefangen. Selbst Jahrzehnte später antwortete er auf die Frage, welches Jahr es sei: „1953“. H.M. glaubte, er sei 27 Jahre alt. Wenn er in den Spiegel guckte, blickte ihn ein viel zu alter Mann an. Als H.M. mitgeteilt wurde, dass sein Onkel gestorben sei, war er darüber sehr traurig. Wenig später hatte er die Nachricht aber wieder vergessen. Als er nach seinem Onkel fragte und hörte, der sei gestorben, machte ihn das wieder sehr traurig.
Offenbar hatte Karl Lashley bei seinen Studien am falschen Ort gesucht. In seinen Rattenexperimenten hatte er stets Teile der Hirnrinde, also der äußersten Schicht des Gehirns entfernt. Dieses Hirnareal ist in der Entwicklungsgeschichte des Gehirns das jüngste, alle anderen hielt Lashley für zu primitiv. H.M. fehlte es aber nicht an Hirnrinde, Scoville hatte einen Teil des Mandelkerns, der Amygdala, entfernt und fast den gesamten Hippocampus. Diese Region an der Innenseite der Schläfenlappen war offenbar entscheidend für das Formen neuer Erinnerungen.
Das zeigte sich auch in Tierversuchen. „Nach den Erfahrungen mit H.M. sind tausende Untersuchungen an Ratten und anderen Tieren gemacht worden“, sagt Markowitsch. Sie alle zeigten dasselbe: Wird der Hippocampus beschädigt, beeinträchtigt das die Fähigkeit, neue Erinnerungen abzuspeichern. Buschhäher finden das Essen, das sie versteckt haben, nicht wieder und Ratten finden sich in Labyrinthen nicht mehr zurecht.
Eine weitere Merkwürdigkeit im Fall H.M: Ihm fehlte zwar das Langzeitgedächtnis, aber für ein paar Sekunden konnte er sich alles merken. Viele Versuche haben gezeigt, dass sein Kurzzeitgedächtnis in etwa so gut funktionierte, wie das eines gesunden Menschen. Telefonnummern oder Wortlisten etwa konnte H.M. sich kurze Zeit merken, wurde er aber nach ein paar Minuten oder Stunden noch einmal gefragt, hatte er sie vergessen. „H.M. war der Paradefall, der gezeigt hat, dass der Hippocampus zentral ist für die Übertragung vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis“, sagt Markowitsch. Was auf lange Zeit abrufbar bleiben soll, das muss offenbar durch das Nadelöhr des Hippocampus. So haben Forscher mit bildgebenden Verfahren gezeigt, dass sich Menschen aus einer Liste von Wörtern an die am besten erinnern, bei deren Lernen der Hippocampus am stärksten aktiv war.
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- Die Psychologin Brenda Milner arbeitete jahrelang mit H.M. Copyright: Owen Egan/ The Montreal Neurological Institute and Hospital, McGill University
Nicht ein Gedächtnis, sondern viele
Aber H.M. hat nicht nur gezeigt, wie bedeutend der Hippocampus ist. Der Fall machte auch deutlich, dass das Gedächtnis aus verschiedenen Modulen besteht. In einem berühmten Experiment gab Brenda Milner H.M. eine Geschicklichkeitsaufgabe. Zwischen zwei ineinander geschachtelten Sternen sollte er den Umriss eines dritten Sterns zeichnen, durfte seine Hand und das Papier dabei aber nur in einem Spiegel beobachten. Obwohl H.M. sich nie daran erinnern konnte, diese Aufgabe schon einmal geübt zu haben, wurde er von Mal zu Mal besser. Einmal sagte er sogar erstaunt, er habe sich die Aufgabe schwerer vorgestellt.
Manchmal überraschte H.M. die Forscher mit anderen Erinnerungen, etwa wichtiger Persönlichkeiten, die erst nach seiner Operation berühmt wurden. So konnte er auf Nachfrage den Initialen JFK den Namen John F. Kennedy zuordnen – und wusste, dass er 1963 ermordet wurde. Und „Bob Dy...“ konnte er zu „Bob Dylan“ vervollständigen, obwohl der Musiker erst in den 60ern bekannt wurde. H.M. dürfte einer der am besten untersuchten Menschen aller Zeiten sein und trotzdem ist bis heute unklar, woher diese Erinnerungen kamen. „Die Tatsache, dass er sich überhaupt irgendetwas merken kann, reicht aus, um einen Wissenschaftler völlig umzuhauen“, sagt die Neurowissenschaftlerin Suzanne Corkin vom Massachusetts Institute of Technology, die von 1962 an bis kurz vor seinem Tod mit ihm arbeitete. Damit zeigte sich eindrucksvoll, dass das Gedächtnis aus verschiedenen Modulen besteht, die an unterschiedlichen Orten im Gehirn abgespeichert werden.
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- Ein Schnitt durch das Gehirn von Patient H.M. Copyright: Suzanne Corkin
Molaison starb am 2. Dezember 2008 in einem Altersheim in Connecticut. Sein Leichnam wurde sofort ins Massachusetts General Hospital in Charlestown gebracht, wo Forscher unter anderem des Brain Observatory in San Diego die Nacht durcharbeiteten, um Gehirnscans anzufertigen und H.M.s Gehirn für die Nachwelt zu erhalten. Henry Molaison selbst konnte keine neuen Erinnerungen mehr formen, aber in der Welt der Wissenschaft hat er bleibende Spuren hinterlassen.


