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Reden ohne Worte

Ein zorniger Blick, verschränkte Arme, eine liebevolle Umarmung – auch ohne Worte können wir einiges sagen. Meist sind uns diese kleinen Zeichen gar nicht bewusst, doch die Körpersprache verrät viel über unsere Gedanken und Gefühle.

Copyright: Don Smith / Flickr / Getty Images

Die Party ist im vollen Gange, die Musik ist laut, die Stimmung gelöst. Doch dann beobachtet man am anderen Ende des Raumes die Gastgeber, ein junges Paar: Er gestikuliert wild mit den Händen, sie verschränkt die Arme, dreht sich weg, ihre Miene wirkt verbittert. Und plötzlich ahnt man, dass es Zeit wird, die Sachen zu packen und nach Hause zu gehen.

Die Sprache gilt als das zentrale menschliche Kommunikationsmittel. Doch oft erkennen wir auch ohne sie, wie sich unser Gegenüber fühlt, was er denkt oder verschweigt – dank zahlreicher, fein nuancierter nonverbaler Signale unseres Körpers. Eine hochgezogene Augenbraue, ein strafender Blick, ein sanftes Streicheln der Haare reicht oft aus, um uns eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Manche dieser Signale senden wir bewusst, viele jedoch, ohne es zu merken. Gemeinsam ist allen: Sie werden blitzschnell verstanden und sind darum ein zentraler Aspekt menschlicher Interaktion.  Ich sehe, was du fühlst

Die Palette nonverbaler Ausdrucksmöglichkeiten ist groß und beinhaltet alles, was außerhalb der Sprache und Stimme liegt, also extraverbal ist. Dazu zählen Mimik, Gestik, Körperhaltung und Körperbewegung. Einige Forscher rechnen aber auch die Tonhöhe der gesprochenen Worte, die Satzmelodie und die Sprechgeschwindigkeit zu den nicht-verbalen Äußerungen. Diese so genannten paraverbalen Äußerungen sind zwar sprachbegleitend, können aber mitunter eine ganz andere Botschaft vermitteln. Etwa, wenn die Gastgeberin aus unserem Beispiel an der Tür sagt, wie schade sie es finde, dass man schon gehe, man aber an ihrem Tonfall merkt, dass sie heilfroh ist, die Party zu beenden.

Alles an uns kommuniziert

Wie ein Radiosender schicken wir also permanent Signale in die Umwelt, die von anderen empfangen werden können. Der Philosoph und Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick drückte das einmal so aus: “Wir können nicht nicht kommunizieren”. Selbst blind geborene Menschen werfen ihre Arme hoch, wenn sie sich freuen, oder sinken zusammen, wenn sie traurig sind – nonverbale Kommunikation ist also vermutlich angeboren. Manche Gesten oder Gesichtsausdrücke werden jedoch auch kulturell geprägt.  Schau mir in die Augen, Kleines!

Meist sind wir uns der Interaktion jenseits der Sprache gar nicht bewusst. Nonverbale Zeichen schleichen sich automatisch und intuitiv in unser Verhalten ein. So denkt man gewöhnlich nicht nach, bevor man sich an der Nase kratzt oder mit den Schultern zuckt. Zuweilen wundern wir uns daher auch über die scheinbar plötzlichen Reaktionen anderer, die eigentlich nur eine Antwort auf unser unbemerktes Verhalten sind. Andere verstehen diese Bewegungen jedoch als unmissverständliche Botschaften: “Mir stinkt's!” oder “Ist mir doch egal!” Manche Forscher vermuten sogar, dass wir so etwas wie eine unbewusste Grammatik der Gesten besitzen könnten, eine eigene Sprache neben der Sprache.  Die Grammatik der Gesten

Es gibt aber durchaus auch Gesten und Körperbewegungen, die bewusst in die Sprache eingebaut werden können, um beispielsweise bestimmte Wörter zu betonen oder lautsprachliche Ausdrücke zu ersetzen. In einer Diskothek, in der wegen der lauten Musik Gespräche unmöglich sind, kann so die halb geöffnete Faust, die mit einer Bewegung Richtung Mund das Trinken aus einem Glas simuliert, zu einer Einladung werden, und eine abwehrende Handbewegung zu einem Laufpass. Manchmal setzen wir auch bewusst mit unserem Körper falsche Signale – etwa mit einem höflichen Lächeln, auch wenn wir eigentlich genervt sind.  Das Geheimnis des Lächelns

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein großer Teil unserer Kommunikation geschieht ohne Worte – durch Mimik, Gestik und Körpersprache.
  • Nonverbale Signale sind meist unbewusst und werden universell verstanden.
  • Körpersprachliche Zeichen können auch bewusst eingesetzt werden, um Wörter beispielsweise mit Gesten zu betonen oder lautsprachliche Ausdrücke zu ersetzen.
  • Flirten funktioniert zu großen Teilen nonverbal.

Nonverbale Verführung

Eine Frau wirft ihre Haare zurück und lächelt, der Mann ihr gegenüber lächelt zurück. Die beiden verstehen sich, ohne ein Wort zu sagen: Ich finde Dich sympathisch. Die Kommunikation der Verführung findet oft ohne Worte statt. Wie menschliches Flirten funktioniert, untersucht der Evolutionsbiologe Karl Grammer am Ludwig-Boltzmann-Institut für Stadtethologie in Wien. Ihm zufolge wird die Partnersuche zu einem Großteil über nonverbale Signale geregelt. Während interessierte Frauen viel lachen und generell mehr gestikulieren als Männer, signalisieren diese ihre Zuneigung durch einen zugewandten Körper und eine offene Beinstellung.

Zwar zeigten Männer in der Regel ein größeres Interesse an Frauen als umgekehrt, jedoch seien diese es, die mittels Körpersprache ein entsprechendes Verhalten der Männer hervorriefen und damit die gesamte Kommunikation lenkten, so Grammer: Ein Lächeln, das Zurückstreichen der Haare, eine zuneigende Schulterbewegung und die Berührung des Kopfes oder Gesichts seien universelle Zeichen, die auf der ganzen Welt verstanden würden.

Universelles Verständnis

In der Wissenschaft wird der nonverbalen Kommunikation aufgrund ihrer offensichtlichen Wirkung schon seit geraumer Zeit viel Bedeutung beigemessen. Schon 1972 veröffentlichte der US-amerikanische Psychologe Albert Mehrabian eine Studie zur Entstehung von Urteilen über andere. Dabei wies er nach, dass nur etwa sieben Prozent der emotionalen Botschaft durch die gesprochenen Worte transportiert wurde. Etwa 55 Prozent lasen die Probanden aus Gesten, Körperhaltung und Gesichtsausdruck ab, fast 40 Prozent machten Tonhöhe und Sprachmelodie aus.

Christa Heilmann, Leiterin des Instituts für Germanistische Sprachwissenschaft an der Philipps-Universität in Marburg warnt aber davor, diese Studie auf alle Kommunikations-Situationen zu übertragen. “Wenn jemand mit einem Koffer Geld vor Ihrer Tür steht und Ihnen sagt, dass Sie im Lotto gewonnen haben, ist es egal, ob er glücklich oder traurig aussieht”, sagt Heilmann. In diesem Fall zähle allein die Botschaft. Die Sprachwissenschaftlerin ist daher der Ansicht, dass je nach Situation entweder der Inhalt der Aussage oder die Ebene der nonverbalen Signale von größerer Bedeutung sei. “Wenn meine Freundin ganz geknickt aussieht, weiß ich natürlich sofort, dass etwas nicht stimmt, noch bevor sie es sagt”, so Heilmann.

Nonverbale Botschaften

Forschungen belegen, dass unbewusste nonverbale Signale universell sind, also von allen Menschen gleichermaßen verstanden werden können. Der Körper lässt sich dabei auch nicht täuschen. Bereits nach wenigen Millisekunden merken wir, wenn Gesichtsausdruck und Körpersprache nicht zusammenpassen – und verlassen uns dann meist eher auf die deutlicher ausgeprägte Körpersprache. Registriert werden die Botschaften von Augen, Mund, Händen oder Körper im oberen temporalen Sulcus (Sulcus temporalis superior), der obersten der drei Gyri des Temporallappens.

Hier werden Gesten, Körperhaltung und Mimik hinsichtlich ihrer sozialen Bedeutung bewertet. Passt irgendetwas nicht zusammen, so ist besonders hier eine hohe Aktivität zu sehen: Der Beobachter erkennt Unstimmigkeiten und fokussiert seine Aufmerksamkeit. Auch die Amygdala ist in die Analyse der nonverbalen Signale involviert. Sie erkennt deren emotionalen Gehalt und leitet die Informationen an den orbitofrontalen Cortex weiter, wo diese analysiert werden.

Das intuitive Verständnis der Körpersprache beherrschen wir von klein auf. Bereits Neugeborene richten ihre Aufmerksamkeit nach dem Blick anderer Personen aus. Diese geteilte Aufmerksamkeit wird auch “joint attention” genannt und ist eine wichtige Voraussetzung für die soziale Kommunikationsfähigkeit von Menschen. Zugleich verfügt unsere Mimik über einige Basis-Ausdrücke, die überall auf der Welt verstanden werden. Ein Faktum, an dem mancher Forscher intensiv gearbeitet hat.  Der Gesichtsversteher

Die Fähigkeit zur körperlichen Interaktion hat sich vermutlich bereits vor der Sprache entwickelt und verschafft grundlegende evolutionäre Vorteile. Wie Wissenschaftler herausfanden, richten Säuglinge ab ihrem dritten Lebensmonat ihren Blick besonders auf Objekte, die zuvor von einem Erwachsenen mit erschrockenem Gesichtsausdruck angesehen worden waren. So lernen die Kleinen zum ersten Mal, die Welt zu bewerten und damit möglicherweise gefährliche Dinge von harmlosen zu unterscheiden. Dieses so genannte soziale Referenzieren ist die Grundlage der Unterscheidungsfähigkeit – eine der wichtigsten Überlebensstrategien aller Lebewesen.

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My Brain
Infos zum Beitrag
Autor:
Leonie Seng
Datum:
15.08.2011
Wissenschaftliche Betreuung:
Prof. Dr. Martin Lotze
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